Angststörungen : Überlegungen zur Theorie und Behandlungstechnik in der Analytischen Psychologie

Wolfgang Kleespies
Berlin, Deutschland
Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychologie

Angststörungen gehören zu den verbreitetsten psychischen Störungen unserer Zeit, sie rangieren in ihrer Häufigkeit noch vor den depressiven Störungen.

Umso verwunderlicher ist es, dass wir im Bereich der Analytischen Psychologie kaum Beiträge zu diesem Thema finden. C.G. Jung selbst hatte einen gewissen Horror vor einer zu engen Systematik und der Entwicklung einer speziellen Krankheitslehre. Er meinte auch, dass es hierfür noch zu früh sei. Dafür hat er umso klarer eine allgemeine Krankheitslehre entwickelt. Denken Sie nur an die Auffassung vom Unbewussten, an die Komplexlehre oder das Archetypenkonzept.

Jung hat wie so häufig, sich sehr intuitiv auch mit den verschiedensten Themen der Psychotherapie beschäftigt und erkannte hierbei schnell die wesentlichen Fragen, überließ es aber seinen Nachfolgern, sich um Details zu kümmern.

Wie auch immer, Wir müssen nicht bei Jungs Aversionen und Vorlieben stehen bleiben.

Ich denke, wir finden bei Jung eine Reihe von Bausteinen, mit deren Hilfe wir auch spezielle Krankheitsbilder, wie etwa die depressiven Störungen oder eben auch Angststörungen in spezieller Weise verstehen können.

Nach meiner Meinung ist gerade die Analytische Psychologie in der Lage, vor dem Hintergrund einer bereits bestehenden engen Anbindung an die Neurowissenschaften, etwa über die Komplexlehre und das Archetypenkonzept, einen umfassenden und ganzheitlichen Verstehenszugang zu den Angststörungen und zu denen nach neuerer Auffassung auch die Zwangsstörungen gehören, zu liefern. Mit „Angststörungen“ meine ich nicht nur die klassischen Krankheitsbilder, wie Panikstörung, generalisierte Angststörung und Phobien oder psychotische Ängste sondern es gehören nach meiner Meinung auch die sogenannten feineren Angstprobleme hierzu, wie Angst vor Nähe, Angst vor Vereinnahmung, Angst vor Gefühlen, oder Versagensangst, die uns als Psychoanalytiker ja viel stärker beschäftigen als etwa eine isolierte Panikstörung. Ich möchte mich in diesem Vortrag vor allem auf diese gängigen Formen von Angstproblemen beschränken. Für die Probleme im Zusammenhang mit schwersten Traumatisierungen sind ja gesonderte Vorträge vorgesehen.

Bedeutung der Emotionen, Komplexe und Archetypen

Ich möchte nun ein paar grundsätzliche Überlegungen zum Problemkreis der Ängste und der Angststörungen machen.

Angst ist zunächst einmal eine Emotion. Die neuere Emotionsforschung – etwa von Seiten der Neurobiologie – bestätigt unsere alte Erfahrung als Therapeuten, wie wichtig Emotionen sind. Sie stellen ein schnell funktionierendes Signalsystem dar und ermöglichen uns, auf einer nichtsprachlichen Ebene, relativ rasch zu einer Bewertung und Einschätzung einer Situation zu kommen, was im Falle der Angst oftmals überlebenswichtig ist. Darüber hinaus motivieren uns Emotionen, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Emotionen stellen also eine bewegende Kraft dar, die unser Verhalten steuert. Sie ermöglichen es uns, eine subjektive Welt aufzubauen, die viele Tönungen enthält und verleihen unserer Welt Farbe und Fülle. Das Spektrum unserer Emotionen stellt etwas hoch Spezifisches und Unverwechselbares dar und macht unsere Subjektivität, unsere Individualität aus. Um ein Wort aus der Bibel abzuwandeln: „An ihren Emotionen sollt Ihr sie erkennen.“

Ohne Emotionen wären wir wie tot, was sich nachdrücklich in schweren Depressionen zeigt. Wenden wir uns der Angst zu. Sie hat gegenüber anderen Emotionen einen speziell vorausschauenden, die Zukunft entwerfenden Charakter und entspricht einer Erwartung einer bedrohlichen Situation. Freud hat dies sehr schön in seiner Theorie von der Signalangst ausgeführt. So haben wir es bei den Angststörungen sehr häufig als erste mit der Signalangst zu tun. Sie funktioniert sofort und kündigt eine Gefahr an. So ist es oftmals die Angst vor der Angst, an der ich leide. Durch Vermeidung halte ich das gefürchtete Angstereignis auf Abstand.

Die Vermeidung ist nach meiner Beobachtung einer der Hauptabwehrmechanismen bei Angststörungen. Oftmals haben wir es in unseren Therapien mit der Bearbeitung dieser Abwehrangst oder Signalangst zu tun. Die Pat befürchten bestimmte katastrophale Folgen, wenn bestimmte Ereignisse eintreten, weil sie zu der Vorstellung gelangt sind, dass sie die Folgen gar nicht oder nur schwer beschädigt überstehen könnten. Sie überprüfen dann auch gar nicht mehr den Realitätsgehalt ihrer Annahmen. Und so ist es ein wichtiges Ziel in Therapien, zu überprüfen, ob die alte Angst, die ich in mir trage, überhaupt noch realitätsgerecht ist. Etwa Trennungen können so gefürchtet werden, dass Beziehungen erst gar nicht eingegangen werden.

Meist ist es hierbei so, dass in der frühen eigenen Geschichte Trennungsepisoden erlebt wurden, die in unserem sogenannten Episodengedächtnis komplex abgespeichert werden, dadurch einen zeitlosen Charakter bekommen und so auch unser gegenwärtiges Verhalten beeinflussen.

Aus Sicht der Analytischen Psychologie hätten wir es mit einem angsterregenden Komplex zu tun, der wie jeder Komplex eine Generalisierungstendenz hat und in analogen Lebenssituationen aktiviert werden kann. C.G. Jung wusste um die hohe Bedeutung der Emotionen und nannte sie ja auch gefühlsgetönte Komplexe. Wir finden hier übrigens interessante Parallelen zu den sogenannten „Verhaltensschemata“ bei Piaget und den sogenannten generalisierten Repräsentationen, den „RIGS“, bei Daniel Stern.

Im Zentrum eines Komplexes finden wir neben allen biografisch individuellen Zügen immer allgemeine überindividuelle Muster oder kollektive Informationen, die seit Jung als Archetyp bezeichnet werden.

Archetypik der Angst

Nun gibt es ja eine Fülle unterschiedlicher Ängste, die unser Leben beherrschen können. Wenn wir uns die verschiedenen Ängste des menschlichen Lebens ansehen, dann müsste es doch möglich sein auch hier eine Ordnung zu erkennen. Mein Vorschlag ist, bei den verschiedenen Ängsten in der analytischen Therapie auf die archetypische Ebene zu gehen und nach archetypischen Mustern zu fahnden, um zu den zentralen Informationen vorzudringen. Es geht um die zeitlosen Motive der Bedrohung in uns, die im Falle der verschiedensten Variationen von Angst die archetypischen Grundmuster unseres Lebens wiederspiegeln. Wir können von Urängsten sprechen.

Meine Beobachtung und zugleich erste These lautet: Bei allen Arten von Angststörungen findet sich letztlich im Kern wenigstens eine spezifische Urangst. Ich werde sie gleich näher benennen. Es ist therapeutisch von großem Vorteil, wenn man in Behandlungen nach ihnen fahndet, denn dann hat man auch eine Wegweisung für die Therapie und eine Orientierung für den Patienten.

Aber auch diese unterschiedlichen archetypischen Themen der Angst lassen sich weiter zusammenfassen und auf einen zentralen Archetypus zurückführen. Was im Kern nämlich immer bedroht ist, ist unsere Existenz. Unter Existenz ist hier im Sinne der Existenzphilosophie eine nur dem Menschen eigentümliche Seinsweise gemeint.

So lautet meine weitere Überlegung und zweite These: Im Zentrum der Angststörungen steht der Archetypus der Existenzangst. Ich lasse mich hier leiten von den Erkenntnissen der Neurobiologie. Wir haben mit den Säugetieren gemeinsam ein Angstsystem, das uns als Teil unserer biologischen Ausstattung hilft zu überleben. Beim Säugetier steht eine externe Bedrohung der leiblichen Existenz im Vordergrund, gegen die es sich mit der Emotion Angst – als ein vorausschauendes Signal – sichert. Beim Menschen liegen die Verhältnisse ähnlich, sie sind aber komplizierter aufgebaut.

So haben wir etwa auch eine „soziale Existenz“ und eine „psychische Existenz“, ein äußeres und ein inneres Leben, das es zu schützen gilt.

Wir leben an der Schnittstelle zweier Welten. Beide können für uns bedrohlich werden durch die verschiedensten Beziehungsstörungen zu ihnen. An der Schnittstelle dieser zwei Welten steht das Ich. Das Ich ist hierbei nicht nur die Stätte der Angst, wie es Freud formuliert hat (1926, STA Bd6, 238) sondern wie es seiner Aufgabe zukommt, ist das Ich auch die potentielle Stätte der Angstüberwindung. Hierauf hat übrigens Erich Neumann – Freud erweiternd – schon vor ca. 50 Jahren nachdrücklich hingewiesen. (Benedetti, Benz 1959, 106)

Hier setzten auch die Therapien an: Es geht in der Behandlung von Angstproblemen um die Kompetenzsteigerung des Ich, um eine Ich – Stärkung. Daran kommt keine Therapieform, wie auch immer sie heißt, vorbei. Das müssen wir als Therapeuten immer vor Augen haben. Das Ich hat potentiell die Fähigkeit, die Dinge neu zu bewerten. Darin liegt unsere Chance: Zur Korrektur alter Standpunkte und Meinungen zu kommen und zu reiferen, kompetenteren Verhaltensmustern zu gelangen.

Angsttheorien

Nach dem bisher Gesagten ergeben sich einige Gemeinsamkeiten mit Freuds sogenannter „zweiter Angsttheorie“ (1926 u. 1933).

Freud hat darin neben seiner „Signaltheorie der Angst“ die Ängste weiter eingeteilt nach den sogenannten „drei Abhängigkeiten des Ich“, wie er sagt: Einmal von der Umwelt, das wäre die Realangst, dann die Abhängigkeit vom Es, das wäre die neurotische Angst und schließlich die Angst vor dem Über-Ich, das entspräche der Gewissensangst. Aber während bei Freud in der Hauptsache Triebkonflikte eine Rolle spielen – das entspräche die Angst vor dem „Es“ – sieht man heute weitere Bereiche, etwa aus dem Blickwinkel einer Selbst-Psychologie (Mentzos 1990, 36). So geht es auch um Gefährdungen der eigenen Autonomie, etwa bei Abhängigkeitskonflikten, oder der gesamten psychischen Existenz, bei Verlust und Trennung, oder der eigenen Integrität, durch drohende Fragmentierung des eigenen Selbst, bis hin zu Vernichtungsängsten bei Psychosen. Ferner können Störungen des narzisstischen Gleichgewichts durch Infragestellung der eigenen Person erhebliche Ängste auslösen.

Gerade die Gefahren, die im Rahmen der gegenwärtigen Selbstpsychologie im Zusammenhang mit dem Selbst gesehen werden und heute modern anmuten, hat Erich Neumann in seinem wenig beachteten Angstmodell schon 1959, also vor bald fünfzig Jahren, beschrieben. Er sieht das Ich an der Schnittstelle von genau genommen drei Welten: nämlich der Realwelt, dann der Welt des Unbewussten und der Welt des eigenen Selbst. Das Selbst ist nämlich keinesfalls von vorneherein tragend und hilfreich, gewissermaßen ein „Garant des inneren Friedens“, wie manchmal angenommen wird! Ein interessanter Aspekt.

Habe ich nicht gelernt auf meine Integrität auf mein Eigensein zu achten und die kreativen aus dem Selbst stammenden Impulse wahrzunehmen, dann bin ich zutiefst verunsichert und meiner selbst entfremdet, das macht sich in tiefer Angst bemerkbar, bis hin zu Derealisations und Depersonalisationserlebnissen. Man ist nicht „man selbst“.

Von allen drei Bereichen drohen also Gefahren, wenn sie jeweils zugunsten der beiden anderen Bereiche in der Persönlichkeitsentwicklung vernachlässigt werden. Bin ich beispielsweise zu extravertiert, dann kann das Unbewusste und auch mein Selbst mir unvertraut und bedrohlich werden und eine basale Angststimmung, etwa im Sinne einer generalisierten Angststörung, entstehen lassen. Ein Patient mit tiefer Selbstentfremdung sagte mir: „Ich habe immer das Gefühl, als schwebt ein Damoklesschwert über mir und saust gleich nieder!

So fällt unserem „Ich“ und dem damit verbundenen Bewusstsein eine integrative Rolle zu und hat das Individuum in seiner Zwischenstellung zwischen den Welten zu balancieren. Es ist daher ein wichtiges Ziel in tiefergehenden Analysen, gerade von Angststörungen zu einer Verbesserung in der Ich-Selbst Achse zu kommen, denn Angstgestörte haben kein „Selbst-Vertrauen“ und kein „Selbst-Bewusstsein“. Sie haben ja nichts – jedenfalls in ihrer Selbstbewertung – was sie der Angst entgegen stellen könnten. Das heißt, sie haben kein Bewusstsein über die in ihnen schlummernden Möglichkeiten. Der entscheidende Schritt in der Bewältigung von Angstproblemen ist die verbesserte Beziehung zum eigenen Selbst und die Entdeckung innerer Ressourcen, damit die Angst einen nicht beherrscht.(Neumann in: Benedetti, 1959, 107). Sehr gut kann dies in analytischen Gruppentherapien von Angstgestörten beobachtet werden. Dort übernimmt die Gruppe in tieferen Phasen der Regression eine archetypische Funktion eines tragenden und unterstützenden Selbst, welche vom Patienten dann internalisiert werden kann.

Archetypische Angstformen

C.G. Jung greift in seiner Schrift: „Symbole der Wandlung“ (GW 5, §456 ff) die meines Erachtens zentrale Frage des Angstproblems auf. Er sieht nämlich in der Angst die Folge einer Entwicklungsstörung und verweist darauf, dass sich Angst bildet, wenn der nach Entfaltung drängende „junge Persönlichkeitsteil zurückgedrängt“ wird. Entfaltung heißt aber „Individuation“, heißt zunehmende Bewusstwerdung.

Wenn also im Rahmen unserer Individuation Entwicklung und Wandlung behindert oder eingeschränkt werden, dann ruft das zuerst Angst auf den Plan. Es kann sich eine Angststörung bilden. Vor diesem Hintergrund komme ich zu der Überlegung, dass im Kern unserer neurotischen Angstprobleme die verhinderte Individuation steht, die aufs engste mit unserer Existenz verwoben ist. Individuation ist der dynamische Aspekt der Existenz.

Meine These: „Die verschiedenen Angststörungen gründen sich letzten Endes in einer Existenzangst“ ist vor diesem erweiterten Hintergrund zu verstehen, nämlich als eine Angst um die eigen Existenz und in eine Angst vor der Existenz, nämlich, die Existenz zu wagen und zu gestalten.

Was zählt nun zu unseren spezifischen oder archetypischen Ängsten? (Kleespies, 2003, 67) Ich kann hier nur ein paar Beispiele geben. Hierbei zeigt es sich, dass sich die archetypischen Themen der Angst durchaus überlappen können, was sogar typisch ist für archetypische Strukturen. Sie sind vernetzt, oder wie es in der Neurobiologie heißt: sie sind modular aufgebaut. Zu ihnen zählen:

Orientierungsverlust: Hierzu zählt alles, was mit „Verirrung“ und „Verwirrung“ zu tun hat. Zum Beispiel gehören ausgeprägte Ambivalenzen dazu.

Im spezifisch menschlichen Lebensfeld gehört hier auch der Orientierungsverlust im eigenen Leben dazu. Wenn ein bestimmter Lebensentwurf etwa durch eine endgültig nicht bestandene Prüfung gescheitert ist, kann sich eine ängstlicher Zustand der Orientierungslosigkeit, wie es nun weiter gehen soll, einstellen.

Der Verlust des Inneren und äußeren Halts: Im direkten Sinne; Wenn man keinen festen Boden mehr unter den Füßen hat. Im übertragenen – existenziellen Sinne –: Wenn man keinen „psychologischen Boden“ mehr unter den Füßen hat, etwa durch Verlust und Trennung. Vor allem, wenn die Beziehungspersonen die Bedeutung von „Halt gebenden Objekten“ hatten. Ein hierzu passendes Symptom wäre der Schwindel. In Angstträumen, kann man erleben, ins Bodenlose zu fallen.

Dann die direkte Bedrohung durch Aggressionen, etwa durch Verfolgung, die Vernichtungsangst auslösen kann. Im existenziellen Feld des Menschen gehört hierher auch Angst vor „vernichtender Kritik“. Dies führt zu einer weiteren archetypischen Angst, nämlich der Infragestellung der eigenen Person und der Erfahrung des Ausgeschlossenseins, Die Beschämung gehört hierher, aber auch Erlebnisse von Verurteilung und Ausgrenzung“, bis hin zur Entwertung und Erniedrigung, ja Verbannung zählen hierzu. Bei ödipalen Konflikten ist das Erlebnis der Ausgrenzung häufig zu finden.

Aber auch Erfahrungen des Eingeschlossenseins können archetypische Angst hervorrufen. Hierzu gehört das schweißtreibende Urerlebnis, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, gefangen und wehrlos ausgeliefert zu sein, nichts ausrichten zu können. In der Todesangst einer Panikattacke kann sich diese Urangst des Ausgeliefertseins zeigen.

Und schließlich die Angst vor dem Fremden, vor dem Neuen. Zunächst eine sinnvolle Einrichtung. Alles Fremde, kann potentiell gefährlich sein. Bei Zwangsstrukturen kann es sich aber zu einer Angst vor Veränderung des Vertrauten auswachsen, weil die Zwangspersönlichkeiten gerne alles kontrollieren und „im Griff“ haben wollen. Dies kann sich zu einer generellen Angst vor Wandlung auswachsen. Der Betreffende weigert sich dann unbewusst, überhaupt Reifungsschritte zu vollziehen. Er bleibt lieber beim Vertrauten, was zur Stagnation führen kann, weil jeder Entwicklungs – und Reifungsschritt in unserem Leben eine spezifische Angst kennt, die angenommen und überwunden werden will.

Jedes dieser Ängste – und das halte ich nun für sehr bedeutsam – kann bei starker Aufladung und dünnen Ich. Grenzen zu einer archetypischen Inflation des Ich führen, bis hin zu einer Psychose. Denken sie nur an den Verfolgungswahn: Verfolgung als Ausdruck einer archetypischen Angst.

Therapeutische Ansätze

Ängste erweisen sich oftmals als ungemein stabil. Das kennt jeder Therapeut. Woran liegt das? Die Neurobiologie lehrt uns, dass besonders in den sogenannten Mandelkernen – den „Amygdala“ – als Teil des limbischen Systems, einmal gebildete Angsterfahrungen vermutlich unauslöschlich eingebrannt sind. Diese Befunde bedürfen noch weiterer Erhärtung aber verweisen auf den stabilen Effekt von einmal gemachten Erfahrungen, gerade wenn sie emotional hoch energetisch besetzt sind. Wir würden sagen, es hat sich ein angsterregender Komplex gebildet. Manche Ängste halten sich daher trotz Therapie ein Leben lang, Aber – ein Trost für unsere Patienten – man kann es lernen, sie schneller wieder herunter zu regeln.

Jung spricht in diesem Zusammenhang regelrecht von einer Komplexbesessenheit. Die Komplexe besitzen uns und nicht umgekehrt wie sie.

Das kann man auch neuroanatomisch erklären: Wie der Hirn forscher LeDoux (2001, 22) ausführt, haben sich aus evolutionären Gründen stärkere Verbindungen von den Amygdala zum assoziativen Cortex gebildet als umgekehrt. Das heißt, die Emotionen kontrollieren uns stärker als wir die Emotionen. Aber immerhin sind kontrollierende Bahnen vorhanden. Denen haben wir es zu verdanken, dass überhaupt Therapien funktionieren.

Wichtig ist das Lernvermögen, die sogenannten Plastizität des Gehirns. Es können neue Erfahrungen gebildet werden, die alte Angsterfahrungen zumindest überformen. Es geht darum, entlastende und korrigierende Erfahrungen zu machen, die die innere Kompetenz steigern. So bilden sich neue Assoziationen um den alten Komplex. Neue und stabile Assoziationen bilden sich aber nur durch Wiederholung. Das lernt uns die Neurobiologie.

Hier gibt es nun einen wesentlichen Unterschied zwischen der klassischen Verhaltenstherapie und den psychodynamisch begründeten Verfahren. Einfache Angstkonditionierungen, etwa eine Verkehrsmittelangst, lassen sich grundsätzlich durch Dekonditionierungen, etwa durch Training wieder abbauen. Komplexere Angstprobleme, mit denen wir es in der Regel als Analytiker zu tun haben, bedürfen einer assoziativen Aufarbeitung. Es müssen viele Ebenen bearbeitet werden und zwar wiederholt bearbeitet werden.

Das liegt in der Funktionsweise unseres Gehirns. Es bestätigt sich die alte analytische Grundregel vom „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“. Aber: das Wiederholen ist auch technisch das schwierigste, denn schwer Angstgestörte wollen ja keineswegs an die Angst heran.

Es kommt daher in diesen Fällen immer wieder darauf an, den Patienten zu unterstützen – das bedeutet eine aktive Haltung des Therapeuten-sich mit den Angst machenden Bereichen zu konfrontieren und diese nicht abzuwehren und sei es nur zunächst in einer aktiven Imagination im Sinne eines Probehandelns und einer späteren Exposition in der Realität. Diese therapeutische Haltung entspricht einer zeitweilig „gerichteten“ oder wie ich es auch nennen möchte einer „fokussierenden Aktivität“. Diese kann sich schon darin zeigen, den Pat. zu ermutigen, nicht bei seiner Signalangst stehen zu bleiben sondern weiter zu gehen und zu erkunden, welche eigentliche Ur- Angst dahinter steht.

C.G. Jung geht übrigens radikal an die Angst heran, Er möchte als Therapeut den tieferen Sinn der Angst herausbekommen. Zitat: „ … versuche ich als Psychotherapeut keineswegs die Patienten von der Angst zu erlösen. Sondern ich führe sie bis auf den Grund ihrer Angst, wo es dann klar wird, wie berechtigt sie ist“ (GW 11 §12 f).

Sich die Angst vollständig anzusehen, heißt sich ihr auszusetzen, Das kann also schon auf der Couch geschehen. „Die Angst sich ansehen und auszuhalten“ heißt: man erkennt seinen Dämon. Dies allein stärkt schon und gibt schon einen kleine Kompetenzzuwachs. Hierzu ist es sehr hilfreich, die zu Grunde liegende archetypische Angst, zum Beispiel die Verlustangst, als solche benennen zu können. Wenn der Dämon einen Namen bekommt wird er handhabbar. Aber Vorsicht: benenne ich diese Angst zu früh, bleibt sie nur eine intellektuelle Schimäre.

C.G. Jung spricht im Zusammenhang mit dem alchemistischen Wandlungsprozess von einer „reductio ad primam figuram“. Wir müssen zurück zu den Ursprüngen, sonst können wir uns nicht wandeln.

Beispiel: Ich denke an eine Patientin mit einer psychotischen Depression, die wegen früher Verlassenheitserfahrungen ihre Beziehungen abbrach, wenn sie enger und verbindlicher werden sollten. Sie steigerte sich dann in die Überzeugung hinein, den Betreffenden gar nicht zu lieben sondern irgend einen andern Mann nun attraktiver zu finden. Sie versuchte mit aller Gewalt ihre Liebesgefühle zu zerstören, Das brachte sie in einen buchstäblich „verrückten Zustand“, den sie nicht mehr aushalten konnte. Sie entwickelte eine ausgeprägte psychotische Depression mit einem schweren Schuldwahn, abgründig böse und schlecht zu sein und Schuld am Übel der ganzen Welt zu sein und musste stationär behandelt werden. Wir konnten dies viel später in der Therapie als tiefen Selbstvorwurf verstehen, ihre Liebe und die Liebe des Mannes zerstört und sich versündigt zu haben. Es musste nun in der Therapie die Fähigkeit entwickelt werden, sich ihrem Selbst mehr zuzuwenden und Gefühle überhaupt zuzulassen – sie hatte eine riesige Angst davor – und sie als ihr Ureigentum wert zu schätzen und sie nicht nur zu fürchten.

In einer neuen Beziehung ließ sie nun tatsächlich ihre Liebesgefühle zu und wir kamen nun über ihre Signalangst, die ja bisher in der Vermeidung der Einlassung bestanden hatte, hinaus. Aber nun passierte, was sie latent immer gefürchtet hatte: Sie entwickelte eine schreckliche Eifersucht, wollte den Freund ständig kontrollieren und beobachtete mit paranoischem Misstrauen sein Verhalten, ob er nach anderen Frauen guckte. Jetzt konnten wir es benennen, es war eine quälende Verlustangst. Wir konnten diesmal weiter dran bleiben. Es war eine alte Angst, die sie als abhängiges Kind zu Recht hatte gegenüber ihrer Mutter, von der sie als ungewolltes Kind abgelehnt wurde. Ich forderte sie nun auf, die Angstsituation mit dem Freund innerlich weiter mit zu denken und nicht stehen zu bleiben und sprach das bislang Unaussprechliche aus: Was wäre denn, wenn er Sie tatsächlich verlassen würde? Da äußerte sie spontan: „ich würde sehr traurig werden.“

Das war eine überraschende und wichtige Erkenntnis.

Was sie aus beibehaltener kindlicher Sicht immer befürchtet hatte, trat gar nicht ein: Sie würde nämlich gar nicht ins „Bodenlose fallen“ – das war eine weitere Urangst, als Symptom hatte sie übrigens heftigen Schwindel – sondern sie wäre schlicht und einfach traurig. Allmählich lernte sie ihren alten Angstkomplex, ihre alten katastrophisierenden Grundannahmen und Angstprojektionen, die in der Kindheit ja berechtigt waren, und von denen sie bisher dirigiert worden war, zu revidieren und durch realitätsgerechte Gefühle, etwa der Trauer zu ersetzen. Wir mussten das oft durcharbeiten. Um den alten, antiquierten Komplex bildeten sich neue Assoziationen, die ihrer erwachsenen Seite entsprachen.

Hier kurz etwas zur Technik: Ich halte diese geforderte zeitlich begrenzte therapeutische Aktivität, die darauf abzielt, sich den Ängsten zu stellen und Fehlannahmen zu erkennen, bis hin zu konkreten Empfehlungen, technisch übrigens für besonders schwierig und nicht etwa für leicht. Man muss sehr genau einschätzen, was man in der Übertragung mit seiner unterstützenden Aktivität auslösen kann, wann man sie einsetzt und sehr wachsam sein, nicht in eine agierende Gegenübertragung zu geraten. Kann ein Patient aus Abwehrgründen Hinweise nicht annehmen, dann muss zum Beispiel erst eine Abwehranalyse stattfinden.

Aber nach meiner Meinung bestehen klare Schwachstellen in mancher analytischen Haltung, die die therapeutische Entwicklung möglichst vollständig den Kräften des Unbewussten überlassen will, unter größtmöglicher Abstinenz des Therapeuten, was sogar bis zur Ablehnung jeglicher Methodik reicht. Manche Pat. suchen aber, auch wenn sie alles analysiert haben, dringend Hilfe, wie sie es denn nun genau anstellen sollen, um ihre Angst zu überwinden. Amplifizierende Hinweise auf Mythen und Märchen allein helfen da oft nicht weiter (Tschudi, 1999, 54).

Jung und Freud hatten da übrigens keine Probleme mit der Aktivität. Siegmund Freud hat die Zusammenhänge schon durchaus früh und intuitiv erfasst, als er von der Notwendigkeit einer „neuen Aktivität“ sprach, die man zum Beispiel gerade bei Phobien als Analytiker gezwungen ist einzunehmen. Auch C.G. Jung war durchaus aktiv bei manchen seiner Patienten eingestellt und forderte sogar pädagogische Aktivität und in gewissen Fällen ein regelrechtes Training (GW 16 § 152).

Welche Mittel haben wir? Wir haben neben unseren eigenen Intentionen ein weiteres Hilfsmittel. Wir haben ja erfreulicher weise die Arbeit mit dem Unbewussten gelernt. Von dort kommen oft weitere Impulse. Auf sie müssen wir achten. Und da kommt uns erfreulicher Weise entgegen, dass die Komplexe und eben auch die Angst erregenden Komplexe die Neigung haben, sich etwa in Träumen symbolisch abzubilden. Und wenn wir weiterhin uns auf die final-prospektive Funktion der Träume beziehen, dann könne wir schon Lösungsansätze sehen, wohin das Unbewusste tendiert. Das ist mehr wert, weil es persönlichkeitsadäquater ist, als wenn wir die Lösungsansätze anbieten.

Die in therapeutischen Prozessen auftauchenden Symbole unserer Patienten verweisen ja immer auf neue Möglichkeiten, die es in der therapeutischen Arbeit gilt zu erkennen und: zu unterstützen!

Ganz in diesem Sinne können wir etwa mit „aktiver Imagination“ an den pathogenen Komplexen arbeiten. Bei hierfür geeigneten Patienten haben wir gerade in der aktiven Imagination eine exzellenten Möglichkeit, zur gewünschten Konfrontation mit den Angst erregenden Komplexen zu kommen im Sinne eines imaginierten Probehandelns. Aktive Imagination ist nichts Heiliges, sie kann schon in ganz einfachen Schritten liegen, wenn ich den Patienten etwa auffordere, dort weiter zu phantasieren, wo sein Angsttraum abrupt endet. Es kann sich dann ein spannender Dialog entwickeln.

Es ist immer wieder zu beobachten, das die Pat. bei ihrer Signalangst stehen bleiben und nicht wagen, zuende zu denken. Darauf kommt es aber an. Hier müssen wir wieder dosiert aktiv werden. Hier zur rechten Unterstützung in der notwendigen Angstkonfrontation zu kommen wäre eine wichtige Aufgabe unserer Supervisionen.

Behandlungsbeispiel

Ich möchte in der verbleibenden Zeit noch ein Behandlungsbeispiel bringen.

Es handelt sich um eine psychoanalytische Behandlung, eines 33j. Mannes, der bei der Post arbeitete. Er wurde krank als er von seiner kleinen familiären Postfiliale in einen großen Büroneubau versetzt wurde mit lauter fremden Menschen. Seine alten Kontaktstörungen machten sich bemerkbar, er blieb isoliert. Die einzige ihm vertraute Person war sein unmittelbarer Chef, der ihn mit sich genommen hatte und der wie eine beruhigende Vaterfigur auf ihn wirkte. Als dieser kurze Zeit später auch noch in den Ruhestand ging, dekompensierte mein Patient mit Ängsten, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden. Sein neuer Chef erschien ihm arrogant und zynisch und zugleich unnahbar zu sein und versetzt ihn in tiefe Unsicherheit und Angst. Er kam sich überflüssig und störend vor.

Bei der Post waren nun zur Motivationsförderung Prämien eingeführt worden, die an fleißige und tüchtige Mitarbeiter vergeben wurden. Mein Patient hatte den Eindruck, die Prämie auch beanspruchen zu können, und glaubte, damit doch noch eine Annäherung an den Chef erreichen zu können. Er wurde aber kalt und zynisch abgewiesen: „Prämie?, weswegen wollen Sie denn eine Prämie“? Es tat sich eine kalte Distanz auf. Mein Patient glaubte im Erdboden versinken zu müssen und ging tief beschämt wortlos aus dem Zimmer heraus. In der folgenden Zeit bekam er schon morgens Ängste zur Arbeit zu gehen, die Depressionen nahmen zu. Auch zuhause konnte er sich nicht davon erholen sondern legte sich immer öfter ins Bett oder bekam aggressive Durchbrüche gegenüber seinen beiden Kindern. Sah er auf der Arbeit den Chef schon von weitem auf den langen Gängen, versuchte er sich zu verstecken. Einmal versteckte er sich in einem Schrank.

Alles machte ihm jetzt Angst, die Halle, das Neonlicht, die Menschen. Die Angst generalisierte sich.

Schließlich wurde er vom Hausarzt krank geschrieben. Seine Frau wurde immer unzufriedener mit ihm, da sich nichts änderte. Sexuelle Kontakte hatte er mittlerweile ganz eingestellt, wegen sich häufender Versagenszustände. Er kam in eine Klinik, die verhaltenstherapeutisch orientiert war und wurde nur unwesentlich gebessert und arbeitsunfähig entlassen. Er trug sich mit dem Gedanken zu kündigen, was ihm aber von allen Seiten abgeraten wurde. Er hätte seine Pensionsansprüche verloren. Schließlich wurde er von der Postärztin pensioniert, da keine Besserung in Sicht war.

Er war nun keineswegs erleichtert sondern hatte das Gefühl, einen Makel zu haben. Er traute sich nicht mehr unter Menschen zu gehen, was seine ohnehin vorhanden soziale Phobie noch verstärkte und er fühlte sich nur noch minderwertig. Die Frau drängte immer häufiger auf Trennung und er zog schließlich aus. Nun hatte er auch seine Familie verloren und befand sich in der tiefsten Krise seines Lebens. Mittlerweile hatte er die Therapie bei mir begonnen.

Die Ängste nahmen noch einmal zu als er eines Tage einen Brief von der Postärztin bekam zur Nachuntersuchung. Es war inzwischen ein Jahr vergangen. Die Kontrolluntersuchung bestätigte seine weitere Dienstunfähigkeit. Er hatte aber den Eindruck, für einen Simulanten gehalten zu werden, da sie ihm das Ausmaß seiner Ängste nicht zu glauben schien.

In der Folgezeit entwickelte er nun eine Briefphobie. Sah er einen Postboten von weitem, musste er sofort ausweichen. Er hatte Angst, wieder nachuntersucht zu werden. Die gelbe Farbe der Post wurde für ihn zur „Horrorfarbe“. Diese Farbe begegnete ihm aber unglücklicherweise überall. Er konnte noch nicht einmal in die Nähe seiner früheren Arbeitsstelle fahren. Er bekam vorher Schweißausbrüche.

Wir hatten es also mit einer Sammlung von breitgestreuten Ängsten zu tun, die charakteristische Abwehrmanöver auf den Plan riefen. Hierher gehörte in aller erster Linie die Vermeidung. Gerade letztere weiteten sich zunächst immer weiter aus, zum Teil in typisch phobischer Weise.

Ich ermutigte ihn daher immer wieder sich einzelnen Aspekten der Angst zu stellen, statt sie phobisch zu vermeiden. So ging er bewusst zum Briefkasten und überließ dies nicht seiner neuen Partnerin, die über das Internet inzwischen kennen gelernt hatte, oder er suchte bewusst Postfilialen auf. Diese kleinen symbolischen Handlungen sollte man nicht unterschätzen, es kam dadurch zur Dekontamination seines „Schattens“, der sich phobisch über immer weitere Objekte ausbreiten wollte. Es ergab sich ganz allmählich ein Zuwachs an Ich-Stärkung. Wir konnten parallel hierzu auch die diversen Ängste genauer differenzieren und analysieren.

Um welche Ängste handelte es sich? Auf archetypischer Ebene waren es vor allem die Angst vor dem Fremden – vor fremden Menschen und Situationen – dann die Angst vor Ausgrenzung, vor Ablehnung, vor Erniedrigung und vor Trennung. Und schließlich noch die archetypische Angst vor Eingrenzung im Sinne des Ausgeliefertseins.

Ich fokussierte jeweils bei seinen Erlebnisschilderungen auf die zugrundeliegende Angst, um von den monotonen Klagen und Symptomschilderungen, an denen er sich festhielt, zu mehr Introversion zu kommen. So wurden ihm die Angstthemen seines Lebens bewusst und benennbar. Er konnte sie besser verstehen. Das gab ihm eine bessere Orientierung und Sicherheit in seinem Meer der Angst.

Hierdurch wurde es auch allmählich möglich, zu einer genetischen und assoziativen Aufarbeitung seiner Kindheit zu kommen. Als höchst bedeutsam erwies sich die Bearbeitung der Mutterimago, bei der er darauf stieß, dass sie ganz ähnliche Beeinträchtigungen und Ängste aufwies wie er. Als uneheliches Kind war sie früh verstoßen worden. Die Mutter entwickelte eine tiefe Misstrauenshaltung und vermittelte in der Erziehung, dass man immer damit rechnen musste verlacht, verstoßen und ausgegrenzt zu werden, was ihren traumatischen Erfahrungen entsprach und vom Patienten per Identifikation übernommen worden war. Schon in der Schulzeit fühlte er sich ausgegrenzt, verlacht und nicht zugehörig. Es ging nun darum, sich aus seinen tiefen Identifikationen mit der Mutter zu befreien.

Wie stand es nun um die Vaterimago? Der Vater des Patienten stellte den ruhigen Pol in der Familie dar, der offensichtlich nicht an solchen Ängsten litt. Er erschien aber meinem Patienten zu passiv, so dass von ihm zu wenig aktive Unterstützung kam gegen die Flut der mütterlichen Ängste. Diese dringend benötigte Stabilität und Aktivität holte er sich nun von mir. Auf diese Weise wurde ich allmählich zu einer sogenannten „Kontrastrepräsentanz“ zur Mutter. Man macht ja oft die Erfahrung von Übertragungen, etwa als Therapeut bestimmte Rollen und spezifische unterstützende Funktionen zu übernehmen, weil sie dem Betreffenden, wie Jung es wörtlich ausgedrückt hat, ich zitiere: „wegen Selbstunterschätzung nicht zugänglich sind“ (GW 6, § 870).

Übertragungen dienen also keineswegs nur der Abwehr, wie es in der Psychoanalyse noch teilweise gesehen wird, sondern haben auch einen progressiven Aspekt!

Vom Übertragungstyp her herrschte eine sogenannte „antithetische Übertragung und Gegenübertragung“ (Dieckmann, 1979, 215): So wurde ich meinem Patienten gegenüber in der Anfangszeit der Therapie in Deutungen, Klarinfizierungen, Erklärungen und Anregungen immer dann aktiver, wenn er ängstlich abwehrte, sich passiv verhielt und vermeiden wollte.

Diese Übertragungstendenzen meines Patienten lediglich zu analysieren hätte jedenfalls nicht viel gebracht. In seinen unbewussten Projektionen auf mich verbarg sich nicht nur der regressive Wunsch nach passiver Verwöhnung und Fütterung sondern er suchte und brauchte dringend einen aktiven Vater, um ihn internalisieren zu können. Durch die archetypische Vatererfahrung in der Analyse wurde schließlich die einseitige Mutterfixierung „trianguliert“ und damit abgebaut.

Ich zog übrigens zeitweilig auch Angstprojektionen auf mich. So hatte er eine riesige Angst, zu spät zu kommen und von mir abgelehnt zu werden, was zusätzlich die Möglichkeit bot, die Angstthemen auch in der Übertragung zu bearbeiten.

Zwei Träume

Bedeutsam für die Therapie wurden zwei Träume, die ich herausgreifen möchte. Sie stellten sich ein, als er erkannte, dass sein Leben bisher nie selbstbestimmt verlaufen war. Er hätte nie ein Büromensch werden dürfen, hörte aber bei der Berufswahl auf seine Familie, Handwerklich war er nämlich sehr geschickt, renovierte gern und wäre lieber Maler geworden.

Er träumte nun: „ Ich sitze an einem runden Tisch. Mir gegenüber sitzt ein bekannter Musiker, der erzählte mir, dass er sich von seiner bisherigen Band getrennt hätte – was auch in der Realität passiert ist. Er mache nun unter einem neuen Namen wieder Musik und zwar ganz alleine und in einem anderen Stil und sei sehr erfolgreich“. Soweit der Traum. Der Traum beschäftigte meinen Patienten stark. Dem Patienten fiel als erstes ein: „Etwas aufbauen, eine neue Identität bilden“. Das war es, er musste heraus aus der alten Identität des Versagers.

Wir konnten bearbeiten, dass der Mann im Traum einen bestimmten Persönlichkeitsteil bedeutet, sozusagen sein positives „alter Ego“. Für mich als Therapeut zeigte sich hierin ein wichtiger Ganzheitstraum. Der runde Tisch mit seiner Mandala-Struktur verkörperte die ganzheitlichen Aspekte seines Selbst. Sein Selbstbild wurde im Traum nicht mehr beherrscht und überschattet von seinen ängstlich-verzweifelten Projektionen und negativen Erwartungen des Scheiterns, sondern sein ängstliches Ich wurde mit kraftvollen, positiven Seiten zusammen geschlossen.

Wir finden hier einen interessanten Aspekt, auf den Erich Neumann – wie schon erwähnt – hingewiesen hat: Das Selbst ist keinesfalls von vorneherein tragend und hilfreich, sondern kann auch Angst machen. Die vom Selbst stammenden Impulse, etwa sich zu exponieren, sich narzisstisch zu besetzen können als zu gefährlich abgewehrt werden. Über seine Träume hatte er seinen Dialog mit seinem Selbst begonnen.

Dieser Traum meines Patienten brachte nun tatsächlich eine energetische Wende in seinen Therapieprozess.

Ähnlich der „Musiktruppe“ von der sich der Musiker im Traum getrennt hatte, kam es auch für ihn darauf an, sich von seiner „Post -Truppe“, dem Symbol des Scheiterns, endlich auch innerlich zu lösen und allein auf sich gestellt zu leben, also autonom zu werden. Der Patient begann sich zunehmend für die Möglichkeit einer beruflichen Zusatzbeschäftigung zu interessieren.

Ein weiterer Traum brachte Unterstützung hinein. Es handelte sich wieder um einen seiner zahllosen Verfolgungsträume, der aber diesmal anders als gewohnt endete. Er träumte: „Es verfolgen mich irgendwelche dunklen Gestalten. Sie wollten wohl auf mich schießen. Ich wollte es aber genauer wissen, ging aus meiner Deckung heraus und ging auf sie zu, Sie schossen, trafen mich aber nicht und zogen sich verunsichert zurück“.

Jeder von uns hat seinen „synopados“, seinen Nach-Folger und Begleiter, wie es Jung nannte (1991, 509). Es sind unsere Lebensthemen, die uns wie ein Schatten ein Leben lang begleiten und verfolgen können.

Wichtig ist es, sich den Verfolger genauer anzusehen. Hier tat er es, ohne Aufforderung meinerseits. Er hatte dies inzwischen therapeutisch internalisiert: Es ging um die Realitätsprüfung und die Angstkonfrontation. Die Dämonen wurden daraufhin kleiner und zogen sich verunsichert zurück, als er ihnen im Traum entgegentrat.

Dieser Traum ermutigte ihn nun sehr: Machte er doch hierin die Erfahrung, dass er nicht so getroffen wird, wenn er dem vermeintlichen Aggressor entgegentritt. Er übertrug dies auf sein Leben: Er hatte bislang immer Angst gehabt, auf Menschen zuzugehen, aus Angst, erniedrigt und abgewiesen zu werden. Er erprobte sein Selbst – Vertrauen.

Er nahm all seinen Mut zusammen und kümmerte sich aktiv um Arbeit, auch nahm er allmählich wieder vorsichtig private Kontakte auf. Mit seinen dreiunddreißig Jahren konnte er unmöglich untätig bleiben.

Ihm war bekannt geworden, dass seine Hausverwaltung einen Maler für Renovierungen in der Siedlung suchte, in der er wohnte. Er bewarb sich und machte ein preisgünstiges Angebot, und zu seinem Erstaunen bekam er den Auftrag. Nachdem er eines der Häuser zur Probe und zur großen Zufriedenheit aller innen neu gestrichen hatte, bekam er den Auftrag für die restlichen 29 Häuser: Eine Arbeit für zwei Jahre.

Seine Erfolge geben ihm Recht. Allmählich entwickelt sich ein neues und anderes Identitäts – und Selbstgefühl.

Die Ängste ziehen sich zurück. Ein wichtiger Schritt ist getan.

Literatur

  1. Benedetti, G., Benz, E. (1959): Die Angst. Studien aus dem C.G. Jung Institut. Rascher, Zürich.
  2. Dieckmann, H. (1979): Methoden der Analytischen Psychologie, Walter, Olten.
  3. Freud, S. (1982ff): Gesammelte Werke, Studienausgabe. Fischer, Frankfurt/Main.
  4. Jung, C.G. (1971ff): Gesammelte Werke in 20 Bänden, Walter, Olten.
  5. ______(1991): Seminare, Traumanalyse, Walter, Olten.
  6. Kleespies, W. (2003): Angst verstehen und verwandeln. Angststörungen und ihre Bewältigung in der Psychotherapie, Reinhardt, München.
  7. LeDoux, J. (2001): Das Netz der Gefühle, dtv, München.
  8. Mentzos, S. (1990): Neurotische Konfliktverarbeitung, Fischer, Frankfurt/M.
  9. Tschudi, L. (1999): Anal. Psych. 1999;30, Karger, Basel.