Grenzgänger im kollektiven Schatten

Doppeldiagnose: geistig behindert und psychisch krank

Åsa Liljenroth-Denk
Salzburg, Austria
Österreichische Gesellschaft für Analytische Psychologie

Begleiten Sie mich auf einen Exkurs ins Land der Mythen. Dieser kurze Einblick wird uns mitfühlen lassen, was es bedeutet, anders zu sein, ausserhalb der Norm aufzuwachsen …

Hephaistos, Sohn von Hera und Zeus, kommt lahm und hässlich zur Welt. Seine Mutter schämt sich so über ihn, dass sie ihn vom Olymp ins Meer wirft. Die Meeresgöttin Thetis nimmt ihn mitleidig auf und zieht ihn neun Jahre in ihrer Höhle auf, den Göttern und Hera verborgen.

Als Heranwachsender zeigt Hephaistos bald eine grosse Kunstfertigkeit. Er schmiedet für seine Mutter einen goldenen Stuhl und schenkt ihn Hera. Sie setzt sich darauf und kann nicht mehr aufstehen. Kunstvolle Fesseln halten sie, niemand kann sie befreien. Man schickt nach Hephaistos, doch bevor er kommt, will er Aphrodite – die schönste Göttin des Olymp – als Frau und hat sie auch bekommen.

Im Mythos erfahren wir vom Schicksal eines hässlichen, behinderten Menschen, ausgegrenzt und ausgestossen. Diese Reaktion seiner Umwelt lehrt ihn, dass er anders ist, nicht dazugehört. Nun fühlt er sich auch ausgestossen, allein und wütend.

Der Einfluss des kollektiv Unbewussten und der Archetypen, hier des Mutterarchetypus, lässt ihn – seiner Behinderung zum Trotz – seine Kreativität entdecken. Doch die Wut bleibt: er schickt seiner Mutter den goldenen Sessel. Im Bewusstwerden dieser Wut und ihrer Hintergründe lernt er seine Bedürfniss nach Nähe und Geborgenheit kennen und seinen Wunsch nach Schönheit akzeptieren.

Der unaufhaltsame Wunsch, die schönste Frau des Olymp zu bekommen, zeigt noch einmal seine tiefe Kränkung des Nichtangenommenwerdens und des Nichtentsprechens.

Die Meeresgötting Thetis, die gute Mutter im Leben von Hephaistos, bringt ebenfalls einen Sohn mit Makel zur Welt: Achilles ist sterblich. Er kann trotz aller Manipulationen seiner Mutter dem menschlichen Schicksal – verwundbar zu sein – nicht entkommen. An der Ferse bleibt er verwundbar – behindert – unterscheidet sich so von den Göttern und seiner Mutter, der Meeresgöttin. Achilles stirbt noch jung seinen Heldentod.

Das Hauptthema in Homers Ilias ist der Zorn des Achilles. Motiv dieses Zorns ist das Wissen um die Weissagung, das Unentrinnbare, das Nicht-akzeptieren-Können und Nicht-wissen-Wollen von dieser Behinderung.

Dynamik

Ein Mensch mit geistiger Behinderung kann seine Eindrücke nur eingeschränkt strukturieren und seine Aufmerksamkeit ist quantitativ verkürzt. Dennoch kann er sich genauso in einem Individuationsprozess befinden, nicht mehr weiter wissen, psychisch krank werden1.

In unserer Welt der ewig Jungen, Schönen, Dynamischen, Intelligenten, einer Welt von Geschwindigkeit und hektischer Betriebsamkeit hat ein Mensch mit geistiger Behinderung keinen Platz. An der Körperhaltung, am Klang der Stimme registriert er, ob man sich seiner schämt, spürt, wenn die Haltung abwertend ist, ob er ignoriert oder ernst genommen wird. Hat man für ihn Zeit, kann man auf ihn warten? Um dem Stigma der Behinderung in der Begegnung zu entfliehen, bemüht er sich, immerfort zu gefallen. Das ist seine Antwort. Indem er dem Stigma nicht entfliehen kann, wächst sein Zorn – das ist sein Ausweg. Sein Zorn richtet sich gegen die anderen und im nächsten Moment gegen sich selbst: er schlägt sich und seinesgleichen und bringt sich auf Dauer um alles, um nur nicht mehr spüren zu müssen, dass er eben doch anders ist und nicht zum anderen, nicht behinderten Teil der Menschheit gehört. Die Behinderung wird verdrängt, ins Unbewusste verfrachtet. Aber die Wut bleibt: sie beschäftigt ihn, setzt die Wechselwirkung zwischen Gefühl- und Denkfunktion herab, lässt kaum ein Wachsen zu, macht ihn zum Grenzgänger – Borderline.

Geistige Behinderung als Zustandform

In den vergangenen 70 Jahren haben sich Leitbilder, professionelle Orientierung, methodische Ausrichtung und Art des Führens von Institutionen im Bereich „Behinderung“ entscheidend verändert: aus den psychiatrischen Anstalten der fünfziger Jahre als Verwahrungsstätten über defizitorientierte, medizinisch-therapeutische Sondereinrichtungen mit Förderzielen, haben sich unsere heutigen sozial-pädagogischen Einrichtungen entwickelt mit dem zumindest ansatzweise vorhandenen Gedankengut der Selbstbestimmung.

Geistige Behinderung ist keine Krankheit, sondern eine normale Variante menschlicher Daseinsform2, sie ist meine Eigenart und gehört wie Hautfarbe, Körpergrösse, Temperament zu dem, was ich auf die Welt mitbringe. Behinderung entsteht dadurch, anderes und mehr zu wollen, als den eigenen Fähigkeiten entspricht; wie etwa sich stolpernd ohne passendes Schuhwerk durch die Landschaft zu bewegen, geistig sich selbst und andere behindernd.

Leider ist es heute immer noch nicht üblich, kognitive Mängel zu kompensieren, so wie Brillen schlechte Augen und Hörgeräte Hördefizite kompensieren. Statt Wörtern können Bilder gelesen werden, statt einer Uhr mit Ziffern kann Zeit im Handlungsablauf sichtbar gemacht, ungenügende Raumorientierung durch ein Farbleitsystem oder Symbole unterstützt werden. Der spezielle Hilfebedarf muss für jeden ermittelt werden. Dazu sind Kenntnisse über Kompetenzen, positive Fähigkeiten, individuelle Bedürfnisse und konkrete Mängel des Menschen mit geistiger Behinderung erforderlich. Mit einem Hilfsmittel wird der Klient im Verstehensprozess sehend und findet leichter seine Identität, Lebensenergie, Weiterentwicklung im Werten und Strukturieren.

Einschränkungen und Probleme

Kernproblem ist die Isolation, nicht nur durch Ausgegrenztsein, sondern auch durch eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten. Daraus resultieren eine Erschwerung der Konstituierung einer stabilen Ich-Identität sowie die reduzierte Möglichkeit, seine Lebensbedingungen zu kontrollieren. Resultat ist eine Autonomiekrise. Die Vergangenheitsbewältigung bleibt sekundär und das Wissen darum vorerst beim Therapeuten.

Das Vertrauen in die heilende Wirkung der transzendenten Funktion hat auch für Menschen mit Behinderungen Gültigkeit. Die Selbstheilungspotentiale werden durch Träume, aber auch durch Handlungsabläufe, Zeichnungen, Formen, Rituale, Stereotypien und/oder Bewegungsabläufe klar ersichtlich. Es hängt vom Gespür des Psychotherapeuten ab, sich für eine Therapie des Gestaltens und/oder Verstehens3 zu entscheiden, um die Lebensthemen zu veranschaulichen.

Schwerpunkt der Therapie ist der Beitrag zu Konstituierung der Identität und dazu gehören die intellektuellen Mängel, die Behinderung. In den Erstgesprächen einer Psychotherapie mit einem Menschen mit geistiger Behinderung muss der/die PsychotherapeutIn zunächst die Behinderung analysieren und verstehen – um den Klienten bei den Begegnungen und im Gespräch „dort abzuholen, wo er steht“. Jetzt erst kann sich der Dialog zwischen Analysand und Analytiker entwickeln.

4 Funktionen

Die Basis unserer Identität besteht aus vier Funktionen:

grenzganger_im_kollektiven_schattenWahrnehmung vermittelt, dass etwas da ist und wie es beschaffen ist

Denken strukturiert und bewer tet Sachverhalte

Gefühle sagen uns, wie wir den Sachverhalt erleben und bewerten

Intuition informiert uns über Möglichkeiten.

Jeder verfügt über ein persönliches Potential dieser bewussten Fähigkeiten, aus dem heraus er sich weiterentwickeln, in Beziehung treten, sein Ich stärken kann. Dies gilt auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Instrumente

In der psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen mit Behinderung ist der Zustand der Instrumente genau festzustellen und bei Betrachtung der Ganzheit miteinzubeziehen.

grenzganger_im_kollektiven_schattenWahrnehmungsinstrumente sind unsere Sinnesorgane: Augen, Ohren, Tiefensensibilität, Gleichgewicht, Tast- und Riechsinn sowie unser gesamter Bewegungsapparat: Grob- und Feinmotorik, Koordination.

Denkinstrumente sind Objekt-, Raum- und Zeitauffassung, Quantitätsempfinden und Kausalitätsbedürfnis.

Fühlinstrumente sind unsere Grundbedürfnisse: Ruhe, Arbeit, Schlaf, geliebt werden, Hunger, Durst, Sexualität, sich entleeren, Gefühle wie Hass, Abneigung, Zuneigung Liebe, Angst, Freude) Emotionalität bis hin zu den Affekten.

Intuitionsinstrumente sind Träume, Selbst-Reflexion, das innere Gespräch, Selbst-Bewusstsein.

Ist das Instrument in seiner Funktion beeinträchtigt, muss geprüft werden, ob der Klient Hilfe braucht und ob Kompensation möglich ist.

Hilfsmittel

Wahrnehmung: Sport, Bewegung, Rollstuhl, Rollator, Schienen, Prothesen, Esswerkzeuge,

grenzganger_im_kollektiven_schatten Denkfunktion: Warum?: Anleitungen, Planungshilfen, Kommunikationshilfe. Wann?: Uhr, Ziffern, Farben, Bilder, Mass, Tagesplaner. Wieviel?: Zahl, Punkte, Vorlagen, Messhilfen. Wo?: Karte, Plan, Farbe, Tastfeld, Leitsystem. Was? Schrift, Bild, Objekt zum Be-Greifen,

Fühlen: Bedürfnisse entdecken: Berührung, Massage, Erlebnispädagogik, Hängematte, Lichteffekte etc. Gefühle entdecken: Gefühlsbarometer, Reflexion, Geschichten, Märchen, Malen, Gruppengespräche, Theater, Fotos, Selbsterfahrung. Pädagogik, Psychotherapie

Intuition: Rituale, Vertrauensaufbau, Kompetenztraining

Entwicklungsprozess nach Kylén

grenzganger_im_kollektiven_schatten Alle psychologischen Voraussetzungen des Erkennens haben eine Entwicklung; z.B. die sinnliche Wahrnehmung, die Kategorien Zeit und Raum, die Mengen- und Zahlenkonzepte, die logischen Verknüpfungen, die Kausalitäts konzepte4. Piaget unterscheidet vier Hauptstadien der geistigen Entwicklung: Der schwedische Psychologe Gunnar Kylén5 erhielt vor 30 Jahren den staatlichen Auftrag, Grundvoraussetzungen und Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung in Einrichtungen und Institutionen zu erforschen. Er ent wickelte ein Konstrukt, das sich nach Fähigkeiten und Kompetenzen der Menschen mit Behinderung richtete und sogar die Ausgrenzung, das kollektive und persönlich Unbewusste miteinbezog. Er entschied sich gegen Piagets defizitorientierte System und spricht von Fähigkeiten auf drei verschiedenen Ebenen (A, B, C), entsprechend Piagets drei ersten Entwicklungsebenen.

Die letzte Begabungsebene ist logischerweise ausgeschlossen, da es hier sich um intellektuell beeinträchtigte Menschen handelt. Kylén spricht von Entwicklungsprozessen innerhalb gegebener Entwicklungsebenen; eine Entwicklung innerhalb der Fähigkeit der senso-motorischen Ebene. Die Entwicklung innerhalb einer anschaulichen, konkreten Ebene und innerhalb einer Ebene, auf der leichtere Symbolik verstanden wird. Die Grenzen sind allerdings nicht so fest umschrieben wie hier vorgezeigt.

Begabungsebenen

grenzganger_im_kollektiven_schatten A – Fähigkeiten auf der sensomotorischen Ebene

-Der Mensch lebt im Hier und Jetzt. Dinge werden wahrgenommen, wie sie sind, einfache Zusammenhänge auf der Bedürfnisebene verstanden: Jacke/hinausgehen, Sonne/ warm.

-Sprechen geschieht durch Signale und Lautäusserungen, Gefühle werden verstanden.

B – Fähigkeiten auf der voroperationalen Ebene

-Sprechen geschieht in Drei-/Vier-Wort-Sätzen -Sachen und Personen existieren, auch wenn man sie nicht sieht

-Es gibt Vergangenheit und Zukunft, die aber konkret in Zusammenhang mit Erlebnissen gebracht werden muss.

C – Fähigkeiten auf konkret-operationaler Ebene

-Man kann lesen und schreiben, die Uhr verstehen

-Man kann Sachen vergleichen, sortieren und Auseinanderhalten

-Man kann mit Zeit gut umgehen, einen Kalender führen, die Uhr lesen, das Lernen dauert nur länger Ursache und Wirkung sind klar, Konsequenzen verwirren und bringt Emotionalität im Spiel

Fallbeschreibung

Herr N.N. (Richard) verbringt seine ersten drei Lebensjahre unter nicht optimalen Bedingungen in der Familie. Durch seinen Entwicklungsrückstand erfolgt die Unterbringung in einem Kinderheim. Sein Verhalten ist zunächst unauffällig, in der Folge wird er zunehmend unkontrollierbar. Durch Überforderung seines Pflegepersonals wird er in verschiedene Heime weitergeleitet – aber auch sexuell missbraucht – und für einige Jahre in die Psychiatrie überführt. Anschließend erfolgt die Verlegung in eine Großanstalt für neun Jahre, wo er erneut sexuell missbraucht wird und schließlich Rückführung in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie.

Richard hat sich immer sehr widersetzt, viel um sich geschlagen, sich selber verletzt, seine Sachen zerrissen. An ihm wurden alle zur damaligen Zeit gängigen Mittel und Methoden zur Behandlung geistig behinderter Menschen mit Aggressionen ausprobiert: dämpfende Medikamente, Beruhigungsspritzen, Isolation, Bestrafungen, Zwangsjacke wegen Selbstgefährdung, Zahnextraktionen, Elektroschock, Essensentzug etc. Erst mit 40 Jahren erhält er die Möglichkeit, in einer Einrichtung der Lebenshilfe Salzburg zu wohnen.

Die Betreuer sind mit denselben Problemen konfrontiert wie seinerzeit das Pflegepersonal, aber es erfolgt eine damals noch ungewöhnliche und unübliche Maßnahme: Psychotherapie; ich beginne mit der Behandlung 1994.

Mir begegnet ein sympathischer Mann: schlecht aussehend, mit von ihm selber kahl geschorenem Schädel, hager, leidend, provozierend, aggressiv, selbstzerstörerisch (dreht ständig starke Drähte um seine Fingergelenke, Taille oder Handgelenk, bis sie blau werden, dann erst erlaubt er, sie abzunehmen).

Die Therapie beginnt mit Spaziergängen und regelmäßigen Gesprächen über seine derzeitige Situation und nebenbei meiner Ana- lyse seiner Beeinträchtigungen. Seine Diagnose laut Akt: Oligophrenie. Nach einigen Therapiestunden steht für mich fest: Richard kann sich gut ausdrücken, hat einen normalen Wortschatz, ein gutes Gedächtnis (vor allem was die Vergangenheit anbelangt), ein gutes Raumgefühl und Zeiterleben, Kausalitätsgespür und gute Objektauffassung. Mit Geld und Zahlen kann er nicht umgehen. Zustandsbild: leichte geistige Behinderung. Diagnose: Borderline und Hospitalismus.

Anfangs begleite ich das pädagogische Personal und helfe Ihnen, die Dynamik verstehen zu lernen und Richard u.a. zu helfen, seine Zahlenschwäche zu kompensieren. Lernziel: Umgang mit eigenem Geld, Kompetenzen erwerben. Die Bezugsbetreuer entwickeln langsam den passenden Umgang mit Richard, verlieren ihre Angst vor ihm. Langsam werden die äußeren Umstände geordnet, eingefahrene Übertragungen aufgelöst und neue Strukturen entwickelt. Seine Medikamente werden im Laufe der Jahre reduziert.

Richard spricht über zugefügtes Unrecht und seine wehrhaften Gegenreaktionen. Er erzählt von Demütigungen, Missbrauchsgeschichten, Züchtigungen, harten Arbeitssituationen (ohne Entlohnung). Er hat auch eine schöne Erinnerung: drei Jahre wurde er von einer Pflegerin missbraucht.

Therapiesituation: In unserer Fantasie bombardieren wir aus einem Flugzeug drei von ihm gehasste Großinstitutionen und machen sie dem Erdboden gleich. Richard zeigt Besorgnis, dass ich für sein Tun zur Verantwortung gezogen werden könnte. Wir landen, befinden uns im Therapiezimmer und lassen die letzten beiden Jahre seit Beginn der Therapie mit den vielen Veränderungen Revue passieren. Ich führe ihm vor Augen, wieviel er seitdem erreicht hat: ein schönes, eigenes Zimmer in einer netten Einrichtung, eine feste Freundin.

Bis jetzt hat er nichts geträumt, dann kommt er mit seinem ersten Traum: „Ein junger Bub, mit normalem Aussehen, schlägt alles kurz und klein, danach uriniert er auf seinen linken Fuss.“ Richard ist über diesen Traum entsetzt. Das muss doch er selber sein? Nach jenem Traum nehmen die Intensität seine Gefühle etwas ab, und er will zunehmend Bescheid wissen über aggressive Ausbrüche, Anzeichen und Gefühle dazu. Richard verstümmelt sich nicht mehr, wohnt auch jetzt im selben Haus wie seine Freundin, kann mit ihr fernsehen, baden oder im Bett liegen.

In der 160. Stunde bringt er wieder einen Traum mit: „Er ist in der Werkstatt. Anwesend sind außer ihm sein Gruppenbetreuer, der Institutionsleiter und ich. Wir lachen und sagen, dass er in den Gruppenraum zu den anderen gehen muss. In der Gruppe ist es finster, nur eine Kerze leuchtet. Es gibt keinerlei Tageslicht, aber es ist gemütlich. Er geht ohne weiteres hinein.“

Dieser Traum ist sehr bedeutungsvoll und richtungweisend. Richard schafft in der Folge aus seiner selbstgewählten Isolation den Anschluss an die Gruppe, in welcher die anderen Gruppenmitglieder arbeiten.

Beim nächsten Mal träumt er: „Von einem Radiokabel, das schon durchgeschmolzen ist. Er wartet nur mehr auf die Explosion, die aber nicht kommt.“

Dieser Traum bringt ihn auf ein neues Thema; seine Bedürfnisse und was für Einwirkungen sie auf ihn haben. In der 175. Stunde kommt er nicht, denn er hat ein Tief und fährt ganz allein und freiwillig in die Klinik. Er will drei Tage bleiben, bis er sich von seinem Zustand wieder erholt hat und er kann bleiben.

Im sechsten Jahr erinnert er sich, dass er im Mutterleib eine Sonne gesehen hat. Das macht ihn glücklich. Er kann jetzt ohne Hass von seiner Mutter reden, er meint, sie kann doch nicht so schlecht gewesen sein. Er findet, dass Strom, Licht, Sonne und Kerzenlicht wichtig sind. Mittlerweile sind zehn Jahren vergangen, Richard hat unzählige Tiefs, aber auch Hochs hinter sich. Da er immer wieder Therapiepausen gehabt hat, machen die Therapiestunden cirka 300 aus. Bis auf einen minimalen Rest ist es gelungen, alle Medikamente einschließlich der Beruhigungsspritzen abzusetzen. Er hat keine Autoaggressionen mehr und zerreißt nur noch selten seine Kleidung. Er träumt: von einer Mauer. Die Mauer bekommt ein Loch, er kann hinausschauen.

Sein letzter Traum ist von Tieren; er träumt von zwei Hasen. Gleichzeitig will er wissen wie weit weg der Mond ist, wie weit weg die Sonne, was Sonne und Mond tun, woher die Elektrizität kommt etc. Dass die Sonne für alle scheint, findet er besonders wichtig. Er ist kein „Grenzgänger“ mehr, eher ein „Vermittler“: fährt mit dem Bus und arbeitet als „Postbote“ zwischen Institutionen.

Heute bestimmt er selbst die Intensität seiner Therapie.

Die Therapiestunden haben mir den Archetypus des großen furchtbaren Vaters gezeigt in den negativen Auswüchsen unserer Zeit. Es könnte alles soviel einfacher sein: behinderte und nicht behinderte Kinder besuchen dieselbe Schule; gleiches Recht für alle: auf Schulbildung, Sexualität, Familie; behinderte Schauspieler in den Theatern; behinderte Moderatoren; Mütter behinderter Kinder, die sich nicht vor den Blicken ihrer Nachbarn fürchten müssen; Borderline haben dürfen wegen erlittener Traumatas; depressiv sein dürfen wegen mangelnder Perspektiven; psychotisch sein können wegen Ohnmachtsgefühlen.

Das Recht haben auf eine psychiatrische Diagnose und auf das Zustandsbild einer Intelligenzminderung, ohne Behinderter, Imbeciler, Idiot, Debiler oder gar Oligophrener genannt zu werden. Behindert sein könnte normal sein.

References

  • 1 Liljenroth-Denk, Åsa: Mit Persona auf Schattensuche. Erfahrungen aus der analytische Psychotherapie mit Menschen die geistig behindert und psychisch krank sind. Aachen 1996.
  • 2 Speck, Otto; Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Erziehung, München 1997.
  • 3 Jung, Carl-Gustav; GW 8, 131-191.
  • 4 Oerter, Rolf; Montada, Leo; Entwicklungspsychologie, S. 413-462, München 1987.
  • 5 Kylén, Gunnar; Helhetssyn på Människan, Stockholm, 1991.