Die Heilige und der Drache: eine Brücke zum lange ausgegrenzten wilden Weiblichen

Katharina Casanova
Zurich, Switzerland
Schweizerische Gesellschaft für Analytische Psychologie

Drachen gibt es nicht! Oder doch? Wenn Sie sich einen Augenblick Zeit nehmen, werden Sie ein eigenes Bild dieser Kreatur in den Tiefen Ihrer Vorstellung entdecken.

Würden wir nun Ihre Bilder miteinander vergleichen, so würden wir feststellen, dass der Drache viele verschiedene Gestalten besitzt. Vielleicht ähnelt er einer Schlange, ist gar geflügelt, vielleicht hat er Löwenbeine oder Vogelklauen, er mag aus dem Wasser oder aus dem Sumpf auftauchen, am Himmel fliegen oder vor einer Höhle sitzen und Feuer speien. Er kann alle möglichen Farben annehmen, sehr häufig wird er allerdings mit der Farbe Grün in Verbindung gebracht.

Seine mächtige Gestalt ist furchterregend, er stellt aber auch ein Bild der geballten, ursprünglichen Kraft und Energie dar. Seit dem Beginn der Menschheit taucht er als Vorstellung autochthon überall auf der Welt auf. Es scheint sich beim Drachen um eine archetypische Gegebenheit, um eine seelische Notwendigkeit zu handeln.

Im Osten erhält der Drache eine fruchtbare und positive Bedeutung. Der Himmelsdrachen wird als göttliches, gütiges und glückbringendes Wesen betrachtet, als Inbegriff von Weisheit, schöpferischer Kraft und Wandlungsfähigkeit, der für Harmonie zwischen Himmel und Erde sorgt, für Fruchtbarkeit und damit für das Wohlsein im Land. Als spirituelle Autorität wird er dem männlichen Bereich Yang zugeordnet.

Was geschieht mit dem Drachen im Westen? Am Anfang steht ein Urdrache, oder besser eine Drächin, die sich im Wasser befindet. Sie steht für das ursprüngliche Chaos. Irgendwann tritt ihr dann ein junger Gott, ein Held im Kampf gegenüber – und durch ihre Zerstückelung entsteht die Welt in ihrer Gegensätzlichkeit: Himmel und Erde, Meer und Land, Licht und Dunkel, Oben und Unten, Leben und Tod.

So beschreibt der babylonische Schöpfungsmythos Enuma Elisch den Kampf des göttlichen Helden Marduk gegen die Meeresschlange Urmutter Tiamat. Er gilt als Sonnengottheit und wird von nun an als eigentliche schöpferische Macht verstanden. Mit Marduk setzt sich die Kraft des Lichts in Kontrast zur Dunkelheit von Urtiefe und Urfinsternis, die fortan als feindliche Kräfte begriffen werden. Die unzähligen, bekannten Drachentötergeschichten beruhen alle auf diesem Urmythos.

Der Mythos ist am Anfang noch ganz im Naturgeschehen begründet, bezieht aber schon eindeutig Partei für das „obere“ Prinzip. In unserer westlichen Kultur wird die Urschlange, die Drächin, dem „unteren“ Prinzip, dem Weiblichen zugeordnet und der wilden, unkontrollierbaren Natur, dem Dunklen und dem Bösen.

Unsere abendländische Kultur fusst auf der alten epischen Überlieferung, wonach der Sieg über das Chaos die Ordnung im Staat etabliert. In der Folge werden feindliche Stämme als Drachen gesehen, die geschlagen werden müssen. Schlachten zur Verteidigung und Eroberung der Territorialmacht werden als Drachenkampf dargestellt.

Im Christentum wird die wilde Natur und die Verbindung zu den alten Gottheiten als besonders bedrohlich empfunden. In der Offenbarung finden wir die christliche Version des Drachenkampfes beschrieben, indem der Erzengel Michael den bösen Drachen (auch „die alte Schlange“ oder „Satan“) vom Himmel stürzt. Damit ist die Trennung von Gut und Böse endgültig vollzogen, der Himmel ist frei vom Bösen, während die Erde bis zur Endzeit vom Drachen heimgesucht werden wird. So wird der Drachenkampf zum Kampf Gottes gegen den Teufel, zum Kampf des Guten gegen das Böse, und der Drachenbesieger Michael gilt als Schutzherr des Gottesvolkes.

Sein irdisch-menschliches Gegenbild ist der Heilige Georg. Gemäss der Legende befreit er eine lybische Königstochter vom schrecklichen Drachen, der sie bewacht. In der Folge verlangt er nicht etwa, sie zu heiraten, sondern fordert sie und das Volk auf, sich zum Christentum zu bekehren. Im Gegenzug tötet er dafür den Drachen mit seinem Schwert. Grundmotiv ist die Befreiung der heidnischen Jungfrau und ihr Bekenntnis zum Christentum. Anstelle der Heiligen Hochzeit tritt die Taufe.

In der Psychologie wird der Drachentöter-Held zum Symbol für progressive Kräfte, die archetypisch angelegt sind: er steht für das Ich-Bewusstsein, das sich vom Unbewussten kämpferisch ablöst.

Sowohl Neumann als auch Jung neigen dazu, im Drachen einen Aspekt der furchtbaren Mutter zu sehen (Jung, GW V. 5, §671), die danach trachtet, ihren Sohn wieder zu verschlingen. Der Held tötet diese furchtbare Seite des Weiblichen im Drachenkampf und befreit die fruchtbare und segenspendende Seite des Weiblichen in Gestalt der Jungfrau. Innerpsychisch stellt diese „schwer zu erreichende Kostbarkeit“ die anima dar, die aus dem Mutter-Archetypus herausgelöst wird.

Beim Betrachten verschiedener Darstellungen des beliebten Motivs des Drachenkampfs in der Malerei ist mir allerdings immer wieder eine Art von Verbundenheit, ja Einheit der Jungfrau mit dem Drachen aufgefallen. Ob dies vom Maler beabsichtigt wurde oder nicht, sei dahingestellt. Ich denke etwa an das bekannte Bild „St. Georg tötet den Drachen“ von Paolo Uccello, das sich in der National Gallery in London befindet. Die Prinzessin steht völlig gelassen vor der Höhle neben „ihrem Drachen“, wie in einem geheimen Einverständnis ist sie mittels der feinen Leine mit ihm verbunden, die sie locker hält. Die Tat des Georg scheint, so gesehen, eigentlich ziemlich überflüssig. Der Heranreitende sieht, mit Verlaub gesagt, auch eher wie ein unerfahrenes Bübchen in Rüstung aus, denn als Held.

Von verschiedenen weiteren sei hier noch als späteres Beispiel das Gemälde von Böcklin erwähnt, „Angela von einem Drachen bewacht“ (aus Orlando Furioso), wo man sich fragen muss, ob die Jungfrau wirklich gefangen ist, oder gar vom Drachen beschützt wird.

Aufgrund dieser Überlegungen habe ich mich allmählich gefragt, ob sich das Konzept des Drachentöter-Helden als Symbol für das Ich-Bewusstsein ohne weiteres auf die weibliche Psyche übertragen lässt. Kann sich das weibliche Bewusstsein wirklich mit dem Drachentöter- Helden identifizieren, oder fühlt es sich eher eins mit der Jungfrau, die den Drachen am Gürtel oder Bändel führt? Mit anderen Worten: finde ich eine authentische weibliche Auseinandersetzung mit dem Drachen, die im Gegensatz zum Drachentöter-Helden steht? Könnte es sich beim Motiv „Frau und Drache“ gar um einen beinahe vergessenen oder umgedeuteten Archetyp handeln?

Von dieser Fragestellung ausgehend, bin ich auf die beiden heiligen Frauen Martha und Margarethe gestossen, die als „Drachenbändigerinnen“ in die Geschichte eingegangen sind. In der darstellenden Kunst wird ihnen der Drache als Attribut beigegeben, zu ihren Füssen, auf ihren Armen oder als Reittier. In ihren Geschichten finden sich Hinweise auf einen „weiblichen Umgang“ mit dem Drachen, die meines Erachtens auf vergessenen und verdrängten archetypischen Vorstellungen beruhen.

Zu Ehren der Heiligen Martha möchte ich mich hier in Barcelona ganz auf sie konzentrieren, findet doch ihre Wirkungsgeschichte nicht allzu weit entfernt in der Provence statt.

Die heilige Martha in der Bibel

Aus der Bibel wissen wir, dass sie die Schwester des Lazarus und der Maria von Bethanien ist. Aus den Stellen im Neuen Testament, wo sie erwähnt wird, lassen sich einige ihrer Wesenszüge erahnen.

In Lukas 10, 38ff wird beschrieben, wie Martha alles daransetzt, ein Mahl für Jesus und seine Jünger vorzubereiten, während ihre Schwester Maria zu seinen Füssen sitzt. Sie beklagt sich denn auch bei Jesus, dass ihre Schwester sie die ganze Arbeit allein tun lasse, worauf er begütigend zu ihr meint: „Martha, Martha, du machst dir so viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, aber nur eines ist notwendig. Maria hat die gute Wahl getroffen; sie hat sich für das unverlierbar Gute entschieden, das ihr nicht genommen werden kann.“

Die Auslegung dieses ominösen Satzes hat leider dazu beigetragen, dass Martha weniger geachtet wird, als ihr eigentlich zusteht.

Bei der Auferstehung des Lazarus

In Johannes 11ff hören wir, wie Lazarus krank ist und Maria und Martha dies Jesus wissen lassen, wohl in der Hoffnung, er werde kommen und ihren Bruder wieder gesund machen. Als sich Jesus endlich auf den Weg macht, ist Lazarus bereits seit vier Tagen tot. „Als Martha hörte, dass Jesus kam, ging sie ihm entgegen vor das Dorf, aber Maria blieb im Haus. Martha sagte zu Jesus: „Herr, wenn Du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen.“

Als Jesus schliesslich zum Grab kommt, befiehlt er, den Stein vor der Grabhöhle wegzunehmen. Martha wendet ein: „Herr, der Geruch! Er liegt doch schon vier Tage im Grab.“ Darauf erinnert er sie an seine Selbstoffenbarung (Joh.11, 25-27) und an ihr eigenes Christusbekenntnis. „Ich habe dir doch gesagt, dass du die Herrlichkeit Gottes sehen wirst, wenn du nur Glauben hast.“

In Kapitel 12, 2 wird schliesslich erzählt, wie Jesus 6 Tage vor dem Passafest und seinem Sterben nochmals nach Bethanien kommt, und wieder wird die Gastfreundschaft und die Kochkunst Marthas betont. „Martha trug auf, während Lazarus mit Jesus und den anderen zu Tisch lag.“ Unterdessen salbt ihre Schwester Maria die Füsse Jesu mit kostbarem Öl und trocknet sie mit ihren Haaren ab.

Soweit die Bibel, nach der Martha traditionellerweise als „eifrig sorgende Schaffnerin“ bezeichnet wird. Ich lese diese Stellen mit gemischten Gefühlen: Auf den ersten Blick scheint es, Martha nehme eine etwas dümmlich dienende Rolle ein, während Maria, ganz hingebungsvoll im Glauben aufgehend, zu Füssen Jesu seinen Reden lauscht und dafür von ihm erst noch gelobt wird. Obwohl Marthas Gastfreundschaft und ihr Essen offensichtlich von Jesus und seinen Jüngern geschätzt und gern beansprucht wird, scheint Maria den besseren Teil abbekommen zu haben.

Mit Schauern fallen mir Bilder von grauen Diakonissinnen ein, die fromm ihren aufopfernden Dienst im „Marthaheim“ tun, im Namen Marthas, eine heutzutage durchwegs unattraktive Frauenrolle, die sich keinesfalls mit der Drachenbändigerin verträgt.

Auf den zweiten Blick, bei längerer Beschäftigung mit den Bibeltexten entdecke ich eine andere Martha: Herrin eines Hauses, bei der man gerne zu Gast ist, die in der Küche die Gaben der Natur in köstliche Speisen verwandelt. Ihre Befürchtung, der Leichnam ihres Bruders stinke nach 4 Tagen, deutet auf ein sehr gesundes Realitätsbewusst sein, ausserdem scheint sie leidenschaftlich und engagiert, sie wagt es selbstbewusst, Jesus entgegenzutreten und ihn zu konfrontieren.

Die Theologin E. Moltmann-Wendel schreibt, man könne ruhig Abschied nehmen vom Bild der am Rande stehenden, hausbackenen Martha, und sich auf die Bedeutung ihres Namens besinnen: Martha heisst nämlich „Herrin“. Sie beschäftigt sich mit der Johannesgeschichte und stellt fest, dass nach dem Tod des Bruders Lazarus Maria passiv im Trauerhaus bleibt, Martha aber aktiv wird: als sie hört, dass Jesus endlich unterwegs ist, läuft sie ihm entgegen und überfällt ihn mit dem Ausdruck ihres Schmerzes, ihres Zorns und ihrer Enttäuschung. „Sie weint nicht, sie wirft sich Jesus nicht zu Füssen, sie ergibt sich nicht. Sie rechtet mit Gott wie Hiob. Sie wirft Jesus Versagen vor. … Sie weiss zwar verstandesmässig gut Bescheid in der Theologie, dass die Auferstehung erst am Jüngsten Tage kommt, und sie hat doch die Hoffnung, dass Jesus jetzt helfen kann.“ (S. 32)

Mir scheint sehr wichtig zu sein, dass Jesus diese rebellische Frau nicht zurückgewiesen hat, sondern ihre Herausforderung akzeptierte. Moltmann-Wendel (S. 33): „Marthas zähem, leidenschaftlichem Glauben an die Ausserordentlichkeit Jesu begegnet Jesus mit der Selbstoffenbarung: „Ich bin die Auferstehung und das Leben … “ und Martha antwortet mit einem Christusbekenntnis, das auf einsamer Höhe im Neuen Testament steht.“ (S. 33)

Demnach verkörpert Martha keine traditionellen weiblich-christlichen Tugenden, sondern sie ist rebellisch, selbstbewusst, aktiv, realistisch, sie gibt nicht nach und anerkennt keine Begrenzung, sie wächst über sich und ihre traditionelle Rolle hinaus und erfährt dabei Auferstehung.

Renate Wind meint, dass es sich bei der bei Lukas erzählten Geschichte von Maria und Martha um eine Szene handelt, die das wirkliche Leben in seinen Widersprüchen abbildet. Jede Frau spüre bei diesem Text, dass es um ihre eigene Rolle, um ihre eigene Identität gehe. Das Verständnis und die Auslegung des Textes sei immer von der Bewusstseinslage des jeweiligen Interpreten und des Zeitgeistes abhängig. Sie schreibt, dass es lange Zeit vor allem Männer waren, die sich berufen fühlten, die Antwort „des Herrn“ genauer zu definieren. Sie wussten genau, was das „bessere Teil“ sei, das Maria gewählt hatte, und was Martha dementsprechend fehlte.

Nach Origines symbolisiert Maria die Kontemplation, und Martha die Aktion, wobei erstere vorrangig behandelt wird. Seine Auslegung legte den Grundstein für die bis heute nachwirkende grundsätzliche Auffassung, dass der „Dienst des Wortes“ dem „Dienst der Tat“ übergeordnet sei.“ (S. 48)

Demnach ist Marias Platz in der Rangordnung biblischer Frauen- gestalten deutlich besser als der Marthas. Frauen, die den Haushalt besorgen, sich um ihre Kinder und ihre Familie kümmern, können sich so ihre Komplexe holen: sie sind zwar nützlich für das Praktische, aber weniger wert als die nachdenkliche Maria!

Bei Meister Eckart gewinnt die seit der frühen Kirche in Misskredit geratene Martha zum ersten Mal wieder Ansehen. Um 1300 predigt er über die Lukasgeschichte der Maria und der Martha und stellt die herkömmliche Exegese auf den Kopf. Für ihn ist Martha der wahre, reife, erfüllte Mensch, sie verkörpert in ihrem Wirken und Schaffen das höchste menschliche Ideal und wird zum leuchtenden Wunschbild vollendeten Menschentums. (Moltmann, S. 36)

Gemäss Renate Wind hat diese Aufwertung der vita activa mit der Visitationstätigkeit Meister Eckarts in den Frauenklöstern der süddeutschen Provinz des Dominikanerordens zu tun. Für die Frauen, die eine funktionierende Klosterwirtschaft aufbauten und in Gang hielten, konnte die kontemplative Haltung Marias kein Vorbild sein. Meister Eckart bezeichnet daher in einer Predigt über Maria und Martha die Kontemplation lediglich als Vorstufe zur Aktion, die erst die Vollkommenheit christlicher Lebensführung ausmacht. (S. 50)

Diese Hervorhebung der vita activa gegenüber der vita contemplativa erinnert an Jung, der sagt, Individuation schliesse die Welt nicht aus, sondern ein!

Das Ideal der nach innen gekehrten, empfangenden Frau trat zurück, und Martha verkörperte ein neues Frauenbild, das programmatisch wurde für die Zeit des Spätmittelalters: das Bild der verantwortlich handelnden Frau, aktiv und weltzugewandt, eine hochinteressante Parallele zur Entwicklung in unserer heutigen Zeit.

Die heilige Martha in der Legenda Aurea

Nach diesem religionsgeschichtlichen Exkurs wollen wir uns der Figur der Martha als Drachenbändigerin zuwenden. Quelle hierfür ist die Legenda Aurea, die vom Dominikaner und Bischof von Genua Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert geschrieben wurde. Sein Werk erreichte damals grosse Popularität, und die Künstler des Mittelalters schöpften gerne aus dessen Reichtum, um Szenen aus Heiligenleben darzustellen. So auch Lukas Moser um 1430, der die Geschichte von Martha und Maria auf dem Tiefenbronner Altar malerisch eindrücklich gestaltet hat. Auf seine Darstellung der heiligen Martha möchte ich speziell eingehen.

In der Legenda Aurea wird erzählt, dass Martha aus königlichem Geschlecht stammte, und dass sie und ihre Schwester aus dem mütterlichen Erbteil drei Städte und einen Teil von Jerusalem besassen. Sie diente dem Herrn als „edle Wirtin.“ Lukas Moser hat das berühmte Gastmahl von Bethanien gemalt: Maria sitzt demütig zu Füssen Jesu und trocknet seine Füsse mit ihren Haaren. Von rechts her kommt Martha mit Schwung ins Bild hinein, gerade ist sie eingetreten und reicht mit beiden Händen eine fürsorglich zugedeckte Schüssel mit einem Schöpflöffel dar. Gekleidet ist sie als Herrin, das rote Gewand verhüllt ihr langes Haar und wird von einem Gürtel zusammengehalten. Mit relativ grossen, kräftigen Füssen steht sie da, in leicht gebeugter, darreichender Haltung, aber mit erhobenem Gesicht. Ihr Blick ist fragend, offen und aufmerksam.

Rechts neben Martha befinden sich in liebevollem Stilleben angeordnet Küchen-Gerätschaften (alles Gefässe wie Krüge, ein Bottich und ein Korb), die auf ihre Tätigkeiten im Hintergrund Bezug nehmen.

Gemäss der Legende wurden Martha und ihre Schwester Maria Magdalena nach Christi Himmelfahrt zusammen mit ihrem Bruder Lazarus und Sankt Maximinus (der sie getauft hatte) und einigen anderen von den Ungläubigen in ein Schiff gesetzt und ohne Nahrung und ohne Ruder aufs Meer gestossen. Dank Gottes Fürsorge gelangten sie wohlbehalten nach Südfrankreich und bekehrten dort das Volk zum Christenglauben.

In der Provence gilt die Ortschaft „Les Saintes Maries de la Mer“ als Ort der glücklichen Landung. Eine schwarze Dienerin, Maria Salomé, die die Geschwister begleitet haben soll, wird von den Zigeunern der ganzen Welt als ihre Schutzheilige verehrt. Dieser Brauch ist bis heute sehr lebendig geblieben, und alljährlich zur Pfingstzeit wird in einer ekstatischen Prozession der geglückten Landung gedacht.

Die Meerfahrt der Geschwister und ihrer Begleiter ist auf dem Tiefenbronner Altar ebenfalls dargestellt. Marthas Gesicht ist das einzige, das dem Betrachter frontal zugewandt ist. Ihre Hände sind zum fürbittenden Gebet gefaltet, die Augen blicken ruhig und gelassen in die Ferne. Die runde Umrandung ihres Antlitzes durch ihr weisses Kopftuch betont ihre Wichtigkeit und ihre Numinosität.

In der Mitte des Altars ruhen die Boten des Evangeliums erschöpft vor den Toren Marseilles. Während im oberen Drittel hinter den Fenstern dargestellt wird, wie Maria dem heidnischen Fürstenpaar im Schlaf erscheint (und diese damit zur Öffnung des Tores bewegt), sehen wir unten Martha in der Rolle der barmherzigen und fürsorglichen Mutter, der „magna mater“: sie lässt Lazarus seinen Kopf in ihrem Schoss ruhen und hält eine Hand schützend über ihn gebreitet.

Für uns von Interesse ist noch die Innenseite des Altarschreins, die Darstellung der Martha auf dem linken inneren Flügel, rechts gegenüber steht ihr Bruder Lazarus.

Martha steht gelassen und in sich ruhend da, in der Hand eine Salbenbüchse (ursprünglich ein Attribut ihrer Schwester), mit einem Schutzmantel wie die Mutter Gottes. Der Hintergrund ist goldfarbig, was auf ewige Werte hinweist. Betrachtenswert ist auch die Wolkenzone, auf der die beiden Heiligen stehen. Die Wolken zu Marthas Füssen sind wie bei ihrem Bruder von strahlenden Sternen durchsetzt, zu ihren Füssen tummeln sich zudem „kleine Fabelwesen“ oder „goldene Dämonengestalten, “ so werden sie in der Literatur beschrieben. Nach genauer Betrachtung plädiere ich dafür, dass es sich um kleine geflügelte Schlangen handelt, um kleine Drachen also, die sich zu ihren Füssen herumtummeln.

Martha als erhöhte, auf den Wolken thronende Göttin, die die Verbindung zur Fabel – oder Drachenwelt nicht verloren hat!

In der Legenda Aurea wird erzählt, wie Martha im dunklen Wald zwischen Arles und Avignon den bösen Drachen, einen Abkömmling von Leviathan, bändigt. Diese Geschichte ist auch in die südfranzösischen Märchen eingegangen, nachstehend erzähle ich die Fassung aus dem Sammelband „Märchen von Drachen“ von Sigrid Früh.

Die heilige Martha im Märchen

Das Ungeheuer Tarasque

Vor langer, langer Zeit, als die Rhone noch ungestüm dahinfloss und gewaltige Wälder ihre Ufer säumten, geschah es, dass eines Tages ein riesiges Ungeheuer dem Meere entstieg und die Rhone zu seinem neuen Reich machte. Es war eine Drächin, halb Landtier, halb Fisch, grösser und stärker als zwölf Elefanten, mit Zähnen wie Schwerter und mit einer Haut wie von Eisen. Sie war die Brut des Leviathan, des grausamen Meeresdrachen, und der schrecklichen Riesenschlange Onachus und sie hiess Tarasque.

Wohin das Untier kam, verbreitete sich Angst und Schrecken. Es flohen vor ihm die Fische und die Vögel und alle Tiere und Menschen. Wenn das Ungeheuer Wasser trank und wieder ausspie, so zerbarsten die Schiffe, und es ertranken die Fährleute. Mit einem einzigen Hieb ihrer riesigen Pranken konnte die Tarasque Häuser zusammenstürzen lassen und mit ihrem Atem alles ringsum in ein Flammenmeer verwandeln.

Kühn und tapfer waren die Söhne der Provence, und so mancher wagte den Kampf gegen das Ungeheuer. Doch keinem gelang es, die Tarasque zu besiegen, und sie verloren alle ihr junges Leben.

Sieben Jahre schon wütete das Untier, verheerte das Land und brachte Not, Tod und Unglück über die Menschen. Da sah eines Tages ein Schäfer die Drachenhaut im Sonnenlicht glänzen und er glaubte nicht anders, als dass die Tarasque tot sei. Es war aber nur ihre abgestreifte Haut, die am Boden lag, denn die Drächin musste sich alle sieben Jahre gleich einer Schlange häuten.

Weitere sieben Jahre zogen ins Land, und die Menschen litten mehr denn je unter der Grausamkeit der Tarasque, denn sie riss alle Brücken ein und tötete jeden, der von einem Ufer der Rhone zum anderen wollte. So mussten die Menschen voneinander getrennt leben, und es war des Jammerns und des Klagens kein Ende.

Endlich beschlossen sie, das Ungeheuer mit Hilfe einer List zu besiegen: Unweit der Stadt Avignon nämlich war ein tiefer, tiefer Sumpf, und wer da hineingeriet, der war für immer verloren. Dorthin wollten sie die Drächin locken. Also banden sie auf dem Wege zu jenem Sumpf Pferde, Schafe, Ochsen und Ziegen an Bäumen fest. In der Tat folgte das Ungeheuer dieser Fährte mit den leichten Beutetieren. Aber als die Tarasque den Sumpf erreichte, geschah etwas Seltsames: Die Tarasque achtete nicht auf ihr letztes dargebotenes Opfer, einen jungen Stier, sondern brüllte dreimal donnernd, dass die Erde erzitterte, drehte sich um und ging geradewegs zur Rhone zurück. Den enttäuschten und verwunderten Menschen blieb nur noch die Flucht übrig. Der tiefe Sumpf nämlich war ein Ort des Teufels, und auch die Tarasque war ein Satansgeschöpf, und so konnte er ihr nichts anhaben.

Noch weitere peinvolle sieben Jahre folgten diesem Ereignis

Da gelangte eines Tages die Heilige Martha in jene Gegend, in der das Ungeheuer hauste. Sie kam vor die Tore von Jarnegues, und weil die Bewohner jener herrlichen Stadt schon viel von ihren Wundertaten gehört hatten, fielen sie vor ihr auf die Knie und baten, sie von dem Ungeheuer zu befreien.

Da machte sich Martha auf und ging in die Wälder am Ufer der Rhone. Sie ging ganz allein, barfuss und weissgewandet und sie hatte keine Waffe zu ihrem Schutz bei sich als ein Krüglein mit Weihwasser.

Endlich fand sie das Ungeheuer. Als dieses die Jungfrau gewahrte, brüllte es vor Freude über das neue Opfer und bewegte sich auf Martha zu. Sie aber erhob ihre Hände und formte das Zeichen des Kreuzes. Da brach die Gewalt der Tarasque, so wie die wilde Brandung sich an felsigen Gestaden bricht. Noch einmal erhob Martha ihre Hände und besprengte das Haupt der Drächin mit Weihwasser. Da wurde diese sanft wie ein Lamm. Martha band ihr ihren blauen Gürtel um den Hals und führte sie mit sich, gleich wie man ein Pferd am Halfter führt.

So ging die schöne Jungfrau mit dem Untier auf die Stadt Jarnegues zu. Die Tore waren weit geöffnet, und gross war der Jubel des Volkes. Gross war aber auch der Zorn der Menschen über die Tarasque, die so viel Unglück und Leid über sie gebracht hatte. So töteten sie die Drächin mit Lanzen und Steinen. Wenngleich Martha darüber bittere Tränen vergoss, so verzieh sie doch den Bewohnern von Jarnegues, die ihr zu Ehren eine Kirche errichteten und ihre Stadt von nun an Tarascon nannten.

An diesem Märchen frappiert sogleich die Rede vom Drachen in weiblicher Form, von der Drächin „la Tarasque“. Die Urschlange aus dem Meer kommt in weiblicher Form daher. Wer denkt da nicht an die eingangs beschriebene babylonische Tiamat? Sie kommt aus uralter Zeit, als die Rhone noch wild dahinfloss und die Wälder gewaltig waren (in der Legenda Aurea als „locus niger“ bezeichnet), einer Zeit, als die Erde noch nicht untertan gemacht worden war, als die Natur als wild, unbekannt und angsteinflössend erlebt wurde.

Offenbar wurde von den Männern erwartet, dass sie der Natur Herr werden sollten, aber die „Söhne der Provence“ kamen nicht gegen sie an, sondern erlebten sie als verschlingende Mutter, kamen sie doch dabei um.

In der mehrmaligen Erwähnung der erneut vergangenen sieben Jahre wird nochmals auf eine vorpatriarchale, nichtlineare Zeit verwiesen. Mit ihrer Häutung, die alle sieben Jahre erfolgt, scheint die Drächin selber zur zyklischen Ordnung der damaligen Welt beigetragen zu haben.

Die abgelegte Drachenhaut glänzt im Sonnenlicht – ich denke dabei an Gold – hier schimmert etwas sehr Kostbares auf, ausgerechnet von einem Schäfer beobachtet. Ein Schäfer ist der Natur und den Tieren verbunden und lebt mit ihnen im Einklang, aus diesem nimmt er wohl mehr Phänomene wahr als gewöhnliche Leute (so kamen Schafhirte auch zur Geburt Jesu, weil sie als erste gemerkt hatten, welch ein Stern da aufgegangen war).

Die Drächin ist eins ist mit der Natur, sie kennt den Sumpf genau und durchschaut die List der Leute. Sie markiert ihre grosse Macht und Stärke mit dem dreimaligen donnernden Brüllen, vor dem gar die Erde erzittert, und kehrt in „ihre“ Rhone zurück.

In alten Zeiten stellten die Flüsse schliesslich weibliche Gottheiten dar, die Drächin gehört zu ihrem Bereich und lässt sich nicht so ohne weiteres daraus vertreiben.

Nach drei mal sieben Jahren ist die Zeit reif für Martha. Den Bitten der Bewohner von Jarnegues folgend, macht sie sich auf, um in den dichten Wäldern an den Ufern der Rhone die Drächin zu suchen. Allein und barfuss macht sie sich auf den Weg, in einem einfachen weissen Kleid, nur mit einem Krüglein Weihwasser „bewaffnet“. Was für ein Unterschied zum Heiligen Georg in seiner eisernen Rüstung, hoch auf dem Pferd!

Zur Barfüssigkeit ist zu bemerken, dass man im Mittelalter durchaus noch an die Existenz von „Wildleuten“ glaubte, die im Wald in der Natur lebten, aber den Menschen immer wieder zu Hilfe kamen. Auf den bildlichen Darstellungen sind sie vor allem an ihren blossen Füssen und ihrem wilden Haarwuchs zu erkennen. Marthas blosse Füsse stellen einen Hinweis auf ihre Vertrautheit mit dem Wilden und Ungezähmten der Natur dar. Sie erinnert natürlich auch an die ungebundene, in den Wäldern herumstreifende Göttin Artemis.

Das weisse Gewand betont zudem ihre Jungfräulichkeit, dabei denke ich an die von Esther Harding beschriebene ursprüngliche Bedeutung dieses Begriffes. Jungfräulichkeit steht dann für die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit einer Frau.

Kreuz und Weihwasser, mit denen Martha die Drächin zähmt, werden natürlich als christliche Zeichen zur Abwehr des Bösen verstanden.

Geht man aber etwas weiter zurück, wird man entdecken, dass das Kreuz ein universelles Symbol mit matrizentrischen Wurzeln ist, das ein uraltes, erstes Ordnungsschema darstellt, das zur grossen Mutter gehört. Wenn Martha ihre Hände zum Kreuz formt, gibt sie sich dann der Drächin als zur alten Ordnung gehörend oder zumindest diese verstehend zu erkennen. Auch das Besprengen des Hauptes der Drächin mit Weihwasser kann als Erkennungszeichen betrachtet werden, ist doch Wasser das Element des Schlangentieres.

Eine weitere Märchenfassung („Sainte Marthe et la Tarasque“, in der Sammlung von Nicole Lazzarini) spricht für diese Interpretation. Darin spricht Martha die Drächin an, erklärt ihre Herkunft und betont, dass sie keinen Grund habe, sie zu fürchten, und dass der giftige Atem ihr nichts anhaben könne. Darauf habe sich die Tarasque ganz zahm den blauen Gürtel umlegen lassen, weil sie sich endlich geliebt fühlte („parce qu’enfin aimée“)!

Damit kommen wir zur Zähmung des Drachens. Das Tragen eines Gürtels verweist auf Marthas Bedeutung als Herrin, im weiteren Sinn wohl auch als Herrin der Tiere. Wenn sie ihn der Drächin um den Hals legt, wird meines Erachtens ihre Verbundenheit mit dem wilden Element augenscheinlich. Blau ist bekanntlich die Farbe des Geistes – Martha und die Drächin sind geistig verbunden, die geistige Energie fliesst von der einen zur anderen.

So zieht Martha mit der Tarasque in Jarnegues ein, wie wenn sie beim Volk um Verständnis für die Wilde werben wollte – allerdings vergeblich, wie das Ende des Märchens zeigt. Es endet mit Marthas Tränen über diesen Tod. Erkannte sie vielleicht, dass sie den Lauf der Zeit nicht mehr ändern konnte? Jedenfalls verzieh sie den Leuten von Jarnegues, die sie zwar als mächtige Beschützerin erkannt hatten, sie jedoch ihrer tiefen Verbundenheit zur wilden Natur beraubten.

Gedanken zum Ursprung der Heiligen Martha

In der Legende und im Märchen kommen immer wieder christliche und heidnische Elemente zusammen, und letztere deuten auf eine viel ältere, weibliche Gottheit. Die ausdrücklich und wiederholt erwähnten Heilkräfte der Martha verweisen auf ihre grosse Numinosität; sogar das Gras ihres Gartens wirkt heilsam, und nach ihrem Tod ihre Grabstätte. Zahllose Wunderheilungen sind dort verbürgt, und die französischen Könige suchten diese regelmässig auf. Der antike Sarkophag liegt heute in der Krypta der Kirche Sainte Marthe in Tarascon, welche der Bischof von Avignon 1653 zum Dank mit kostbarem italienischem Marmor auskleiden liess.

Wenn Martha sogar einen Toten wiedererwecken kann, lehnt sich die Legende natürlich an die Erweckung ihres Bruders Lazarus durch Jesus an, aber meines Erachtens auch an die uralte Grosse Mutter, die Leben spendet.

Wiederholt ist die Rede von der „dunklen Statt“, die vor der Christianisierung in dieser Region herrschte. Der Drache steht wohl auch für den alten, heidnischen Glauben, mit dem Martha in Verbindung steht.

Es ist schliesslich kaum vorstellbar, dass die neue Religion die alte schlagartig abgelöst hat, vielmehr ist anzunehmen, dass ein allmählicher Wechsel stattgefunden hat, dass die alten Gottheiten noch weiterhin verehrt wurden, und Eigenschaften einer älteren weiblichen Gottheit allmählich mit der Figur einer christlichen Heiligen verschmelzen konnten. Das Bild der Heiligen mit dem Drachen am Bändel wäre dann auch ein Bild dafür: die alte Religion wird nicht mit Gewalt bekämpft, sondern hineingenommen und integriert. Eine äusserst weise, respektvolle weibliche Haltung!

Die Figur der Martha eignet sich hervorragend für die Integration einer antiken weiblichen Gottheit: sie ist von königlichem Geschlecht, selbstbewusst, eigenständig und fürsorglich handelnd, und mütterlich im Sinn der Schutz und Zuflucht gewährenden Göttin. Die alten matriarchalen Elemente schimmern bei der Darstellung der „magna mater“ Martha immer wieder durch.

Bestätigung fand ich bei Maurice Pezet im 1991 erschienen Werk „La Tarasque“, er spricht von der „draperie chrétienne enveloppant sainte Marthe“, von der „christlichen Verhüllung“ der Heiligen.

Der lokalen katholischen Kirche scheint dies heutzutage nicht ganz geheuer zu sein. So ist sie beispielsweise in der wunderbaren Kathedrale Saint Sauveur in Arles zwar als Drachenbändigerin dargestellt; die Szene nimmt die ganze linke Seite eines langen Gemäldes ein, während rechts ihre Schwester zu sehen ist. Auf der angebrachten Tafel, auf der die Inhalte beschrieben werden, ist aber nur von Maria Magdalena die Rede.

Diese Verdrängung trägt dazu bei, dass sogar in Tarascon selber, wo ein Drache als Wetterfahne zuoberst auf ihrer Kirche prangt, Marthas grosse weibliche Macht allmählich vergessen wird. Bei der alljährlichen Prozession führt zwar zu Ehren der Stadtheiligen weiterhin ein junges Mädchen einen schrecklichen Drachen am Bändel durch die Stadt, aber dann wird neuerdings der Drachentötermythos inszeniert, indem Tartarin de Tarascon unter dem anfeuernden Gejohle der Menge die Drächin tötet!

Besinnen wir uns nochmals auf den ursprünglichen Mythos und auf das altbabylonische alljährliche Neujahrsfest. Der Prozessionsweg des Königs führte durch das Ischtar-Tor, das Tor, das der Grossen Göttin geweiht war, und das heute im staatlichen Museum Berlin mit den ausgegrabenen Ziegeln teilweise wieder rekonstruiert wurde. Die Wände des Tores sind mit abwechselnden Reihen von Stieren und Drachen geschmückt.

Dabei handelt es sich um die älteste bekannte figürliche Darstellung des Schlangentieres überhaupt: es weist einen Schuppenleib auf, einen Schlangenkopf, einen Skorpionschwanz, die Vorderbeine sind Löwenpranken, während hinten gewaltige Adlerklauen auszumachen sind. So wurde die grosse Urmutter Tiamat dargestellt, der Ischtar zu Ehren auf ihrem Tor. Die zusätzliche Anwesenheit der Löwen und Stiere in diesem Umkreis weisen auf die uralte Bedeutung der Grossen Mutter als Herrin der Tiere, als solche wird sie auch in verschiedenen Reliefs dargestellt. Besonders hervorheben möchte ich eine Darstellung der Inanna aus Mesopotamien, die den Fuss auf den Rücken eines brüllenden Löwen stellt, gleichzeitig hält sie ihn an der Hand mit einer Art Schnur oder Bändel, die von seiner Nase ausgeht. Das scheint mir eine bedeutsame ikonographische Verbindung zur Heiligen mit dem Drachen am Bändel zu sein!

Die Religionswissenschaftlerin Vera Zingsem weist in ihrem sorgfältig recherchierten Werk eine klare Entwicklung von der Göttin Inanna zur altbabylonischen Ischtar nach (phönikisch Astarte). Die Insel Zypern galt als Wohnsitz der grossen Göttin, weil sich dort ein grosses Heiligtum zu ihren Ehren befand. Später wurde sie der ägyptischen Isis gleichgesetzt, aber auch Aphrodite hat hier ihren Ursprung.

Hochinteressant sind die auf Tontäfelchen überlieferten Gebete an diese ursprüngliche Göttin, die uns heute wieder zugänglich sind.

Inanna von Ur wurde in Gebeten mit einem geflügelten Feuer- Drachen verglichen: „gleich einem Drachen ist dir Zerstörungskraft gegeben“, sie wurde aber auch als „Königin, die auf wilden Tieren reitet“, als „zügellose Wildkuh“ oder als „herrliche Löwin“ angerufen, daneben als „barmherzige, lebenspendende Frau, von Herzen strahlend“… (Zingsem, S. 80-96)

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass auch Isis die Gestalt der feuerspeienden Schlange annehmen kann und generell über Schlangenkraft verfügt. (Stamer und Zingsem, S. 113 ff.)

Die alte Göttin wurde in ihren hellen wie in ihren dunklen Aspekten angesprochen und verehrt. Aggression und Liebe schliessen sich bei ihr nicht aus, sondern die helle und die dunkle Seite bestehen selbstverständlich und wertfrei nebeneinander.

Diese archetypische Gegebenheit ist für unser heutiges Bewusstsein kaum mehr nachvollziehbar und schwer zu verstehen, scheinen doch die beiden Seiten gegensätzlich und einander ausschliessend zu sein.

Die böse Stiefmutter im Märchen beispielsweise war in den Urfas sungen noch in der Gestalt der Mutter enthalten, als dunkle und destruktive Seite ihrer gleichen Person, die etwa zu gegebener Zeit ihre Kinder wegjagt oder „wegbeisst“, so wie wilde Tiere in der Natur. Gebärend und tötend, lebenspendend und vernichtend, gut und böse scheinen unvereinbar, aber genau diese Eigenschaften zeigen sich noch undifferenziert im gefürchteten Drachen, dem Urwesen, aus dem alles entsteht.

Es lässt sich nicht leugnen, dass der Drache auch äusserst gefährliche Schatten in sich birgt, aber es bringt nichts, das angstmachende Dunkle zu projizieren, zu verdrängen oder abzuspalten. Die gewaltsame Drachentötung ist eine Scheinlösung; die Schattenanteile wollen angeschaut und angenommen werden. So wie Martha den Drachen aufsucht und sich von Angesicht zu Angesicht zu erkennen gibt, kann er bezähmt werden.

Die Heiligenlegende von Martha fügt sich vordergründig betrachtet in das christliche, patriarchale Weltbild ein, in dem die Regeln des (männlichen) Bewusstseins herrschen – der Drache wird bezwungen und getötet – hintergründig leuchten aber immer wieder die „vor-ich-bewussten“ weiblichen Aspekte der Grossen Göttin in ihrer Vielfalt auf – der Drache ist bezähmt und hätte eigentlich weiterleben können.

Gerade die Eigenschaften der ursprünglicheren Göttinnen, die bei den christlichen Heiligen eliminiert worden sind (das trifft in grossem Mass auch auf die Heilige Margarethe zu), machen letztlich das aus, was man in Form des Drachens entweder bezähmen und integrieren oder töten und abspalten kann.

Die heilige Martha wird als Jungfrau bezeichnet. Wie schon zuvor erwähnt (siehe auch bei Esther Harding und James Frazer), hat dieser Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung nichts mit Keuschheit zu tun. Die Adjektive „keusch“ und „rein“ erweisen sich eher als Etikett, welches den numinosen Frauengestalten von der patriarchalen Kirche zur Verharmlosung und Verflachung verliehen wurde, denn die Unterdrückung der wilden, instinkthaften Seite des Weiblichen gehört zum Drachentöterprogramm.

Martha erinnert in manchen Aspekten an Artemis, deswegen möchte ich mich zusammen mit Ihnen dieser Göttin kurz zuwenden. Sie ist die Tochter von Zeus und von Leto (einer Naturgottheit), und stellt somit eine lebendige Verbindung von „oben“ und „unten“ dar. Sie ist die erstgeborene Zwillingsschwester von Apoll. Kaum hatte sie das Licht der Welt erblickt, stand sie ihrer Mutter bei der schwierigen Geburt ihres Bruders bei, weswegen sie auch als Göttin der Geburt verehrt wurde. Artemis streift mit ihrem Gefolge von Nymphen und Jagdhunden durch die Wildnis. Sie gilt als Herrin der Tiere, speziell der jungen Tiere. Der Oberkörper ihrer Statue in Ephesus war über und über mit Brüsten bedeckt, was bedeutet, dass sie alle Lebewesen nährte. Allerdings war sie auch die Jägerin, die ihr Ziel niemals verfehlte. Dieser Aspekt der Göttin stellt nach Walker eine Form der dunklen Hekate dar.

Artemis gilt als konstellierender Archetyp bei der Frau, die unabhängig lebt, die jederzeit fähig ist, für sich selbst zu sorgen und sich mit höchster Konzentration für ein wichtiges Ziel ensetzen kann (Bolen).

So wie Martha mit dem blauen Gürtel mit dem Drachen verbunden ist, ist Artemis im Umherstreifen durch Wälder und Auen mit ihrer eigenen Wildheit und mit dem Reich der Grossen Mutter gut in Kontakt. Dies bedeutet auch, dass eine „Artemis-Frau“ über eine ausgeprägte, verwurzelte Instinktsicherheit verfügt. Aspekte des naturhaften Wesens der Artemis begegnen uns immer wieder im Umgang und in der Beziehung mit Tieren, und wir wissen auch, wie heilsam diese sein können.

Der Drache in der Analytischen Therapie

Lassen sich mich noch den Traum einer jungen, ca. dreissigjährigen Frau anfügen, die wegen ihrer Angstneurose und verschiedenen Phobien in Behandlung kam. Ihre Therapeutin hatte eine ausgesprochene „Martha-Seite“ und sass in den Therapiestunden oft mit ihr in der alten, gemütlichen Praxisküche bei einem Kaffee.

Ihr träumte: „Da war ein kleiner Drache in der Küche – es könnte die Praxisküche gewesen sein. Der Drache flog herum, irgendwie war er bedrohlich. Ich dachte, ich müsse ihn bekämpfen und irgendwie vernichten. Da hat er sich plötzlich verwandelt und wurde zu ganz schönen Farben, die um mich herum waren. Ich hatte dabei ein ganz gutes, kräftiges Gefühl.“

Der kleine Drache kann als Symbol des Eros der Übertragung gesehen werden. Sein Auftauchen in der Küche weist aber auch auf die nährende und wärmende Wirkung der weiblichen Urkräfte, wenn sie aus ihrer Verdrängung und Abspaltung geweckt werden können. Der erste Impuls der Träumerin ist, ihn zu töten, weil das archaische wilde Tier so unendlich fremd scheint und Angst auslöst. Im Traum weist der kleine Drache aber selber auf seine Wandlungskraft hin, indem er sich plötzlich magisch als „schöne Farben“ präsentiert, einem Regenbogen gleich. Abgesehen von der bunten Vielfalt des Lebens, wofür dieser stehen könnte, hatten sie bei dieser Klientin eine besondere Bedeutung. Inzwischen ist sie nämlich Malerin geworden und hat sich als Künstlerin gut etabliert!

Was geschieht bei der vermeintlichen Drachentötung? Der unbezähmte und ungenährte Drache rächt sich und bewirkt aus der Verbannung genau das, was mit seiner Abspaltung vermieden werden sollte. Sein unbekannter dunkler Anteil, der in unseren tiefsten archaisch-instinktiven Schichten beheimatet ist, hat die Persönlichkeit längst von hinten eingeholt in einer Art von Lähmung durch die Ängste, Phobien und depressiven Zustände.

So geht es in unseren Therapien mit Frauen und Männern immer wieder darum, mit grosser Verantwortung an die eigenen Wurzeln zu gehen und mit dem dort sitzenden Drachen, mit den lange verdrängten archaisch-weiblichen wilden und dunklen Seiten in respektvollen Kon takt zu treten und diese zu nähren, gehören sie doch zu den tiefsten, energiespendenden Schichten der Seele und letztlich zum Selbst.

Literaturliste

  1. Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers. Stuttgart, Württembergische Bibelanstalt, o.J.
  2. Bolen, Jean Shinoda, Göttinnen in jeder Frau. Psychologie einer neuen Weiblichkeit. Basel, Sphinx, 1986.
  3. Campbell, Joseph, Der Heros in tausend Gestalten. Baden-Baden, Suhrkamp, 1978 (suhrkamp taschenbuch 424).
  4. Der Drache: Himmelssohn oder Ausgeburt der Hölle? Ausstellungstexte von Ramseyer, Urs und Nabholz, Marie-L., Museum für Völkerkunde und Schweizerisches Museum für Volkskunde Basel, Juni 1996.
  5. Harding, Esther, Frauenmysterien einst und jetzt. Berlin, Schwarze Katz, 1982.
  6. Heinzmann, Franz, Köhler, Mathias, Der Magdalenenaltar des Lucas Moser in der gotischen Basilika Tiefenbronn. Regensburg, Schnell & Steiner, 1994 (Grosse Kunstführer, Bd. 195).
  7. Jung, C.G., Symbole der Wandlung. GW Bd. 5. Olten, Walter, 1984.
  8. Lazzarini, Nicole, contes et légendes de provence. Rennes, Editions Ouest-France, 2002.
  9. Märchen von Drachen. Hrsg. Von Früh, Sigrid. Frankfurt, Fischer, 1988.
  10. Marzahn, Joachim, Das Ishtar-Tor von Babylon. Die Prozessionsstrasse. Das babylonische Neujahrsfest. (Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum) Mainz, Ph. Von Zabern, 1995.
  11. Moltmann-Wendel, Elisabeth, Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus, 1997 (Gütersloher TB; 531).
  12. Renard, Louis, La Tarasque. Le Temps Retrouvé. Marguerittes, Equinoxe, 1991.
  13. Stamer, Barbara, Zingsem, Vera, Schlangenfrau und Chaosdrache in Märchen, Mythos und Kunst. Schlangen- und Drachensymbolik im Kulturvergleich. Stuttgart, Kreuz, 2001.
  14. Steffen, Uwe, Drachenkampf. Der Mythos vom Bösen. Stuttgart, Kreuz, 1984 (Reihe Symbole).
  15. Voragine, Jacobus de, Legenda Aurea. Deutsch von Benz, Michael, Jena, Diederichs, 1917 (Band 1).
  16. Walker, Barbara G., Das geheime Wissen der Frauen. München, DTV, 1995.
  17. Wind, Renate, Maria aus Nazareth, aus Bethanien, aus Magdala. Drei Frauengeschichten. Gütersloh, Kaiser, 1996 (Kaiser TB; 145).
  18. Zingsem, Vera, Göttinnen grosser Kulturen. München, DTV, 1999.